Editionen im Zeitalter ihrer Digitalisierung

Philosophische Editionen im Zeitalter ihrer Digitalisierung – Bleibendes und Aktuelles

Klaus Prätor

Nach einigen allgemeinen Worten zur Digitalisierung (a) behandle ich exemplarisch zwei Themen, an denen die Unterschiede digitaler Texte gegenüber ihren Vorgängern (und ihre Kontinuitäten) deutlich werden, die Navigation (b) und das Zitieren oder allgemeiner die Referenz (c) in ihnen.

a) Digitale Texte

Die Digitalisierung ist nicht EINE und nicht in erster Linie eine technische Neuerung. Sie beruht auf einer Vielzahl technischer Innovationen (bei Speichern, Bildschirmen, Prozessoren und Übertragungstechniken), die aber durch eine Idee oderEIN Konzept verbunden sind : die binäre Codierung (die berühmten Nullen und Einsen). Diese wurde kulturgeschichtlich vorbereitet durch die Entwicklung der Schrift, insbesondere der Alphabetschrift mit der Segmentierung der Sprache und ihrer Beschränkung auf einen definierten Vorrat diskreter Zeichen. Die binäre Codierung radikalisiert dies durch die völlige Abstrahierung von einer grafischen Gestalt der Zeichen. Dieses Konzept erlaubt es, vielfältige technische Geräte zu verknüpfen und so ungeahnte Möglichkeiten zu realisieren. Umgekehrt wäre das Konzept ohne die modernen technischen Möglichkeiten nie so wirkungsmächtig geworden. Digitalisierung ist ja kein Vorteil an sich. Weder der antike Schreiber noch seine Leser hätten es als Fortschritt empfunden, wenn er seine Inschriften in binärer Form in Stein gehauen oder in Ton geritzt hätte.

Im Druckmedium ist das Buch zugleich Speicher-, Präsentations- und auch Übertragungsmedium. In der digitalen Welt treten diese Funktionen auseinander. Sie sind aber weitgehend beliebig kombinierbar. Ihr Zusammenhang ‚verflüssigt’ sich.

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THESEN ZU ALTERSEINKOMMEN UND BEVÖLKERUNGSENTWICKLUNG

Alterseinkommen

Das Scharnier, das die beiden Teilthemen zusammenhält, ist das so genannte demographische Problem. Üblicherweise wird es benutzt, um Horrorvisionen von der Unbezahlbarkeit der Renten zu verbreiten – und die Leute in die kapitaldeckte Altersversorgung zu locken. Hier wird der Gegenstandpunkt vertreten: Eine schrumpfende Bevölkerung als Segen für Umwelt und Menschheit – auch wenn das heute für viele Leute noch ein unbehagliches Thema darstellt.

Auch in den Neunzigerjahren gab es schon Einschnitte bei der Rente, z.B Rentenalter 65, statt vorher Frauen 60, Männer 63. Orientierung an Netto- statt Bruttorente

Mit den Rentenreformen von Schröder (RotGrün) rund um 2000 (auch Rentenbetrug genannt) wurde die Bezugsgröße vom Rentenniveau (64 % der Arbeitseinkommen) auf den Beitragssatz (< 22%) verschoben 

Lücken sollen durch (teilweisen) Ersatz des Umlageverfahrens (Generationenvertrag) durch kapitalgedeckte, private Altersvorsorge (Riesterrente) ausgeglichen werden, die allein von Arbeitnehmern gezahlt wird 

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Wer hat Angst vor ‚dem‘ Nashorn?

Überschrift und Bild dieses Eintrags sind grob irreführend. Es geht nicht um die Angst vor einem konkreten Nashorn, sondern um die vor dem Gattungsabstraktum das Nashorn, also ein eher sperriges Thema. Normale Menschen haben davor keine Angst, allenfalls Leute , die für philosophische Probleme anfällig sind. Zu den Abstrakta gehören Begriffe wie Begriff, Zahl, Menge, aber auch Ware oder eben Gattungsnamen. Marx beschrieb seine Probleme mit der Warenabstraktion so: 

Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, daß sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken. [… Ein Tisch bleibt Holz], ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.

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Coronazeit – Vollglück in der Beschränkung

Rom vor / während Corona

Idylle

Am überzeugendsten und überzeugtesten hat es wohl der Besitzer eines kleinen Cafes in der Fränkischen Schweiz zum Ausdruck gebracht. Er sagte über die Zeit, in der er sein Lokal coronabedingt schließen musste: Es waren die glücklichsten Wochen meines Lebens.

Keine Frage: vielen ging es ganz anders. Nicht nur jenen, denen Corona schwere Krankheit oder Tod brachte, auch denen, die durch die neue Situation in existentielle Bedrohung oder doch in Überbelastung gerieten. Aber es gab doch nicht so wenige, die diese Beschränkung nicht als Belastung, sondern als unverhoffte Idylle empfinden konnten.

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Standoff-Markup für Editionen und Paratexte

Klaus Prätor

Where have you gone, XML?

Vor ziemlich genau zehn Jahren nahm ich an einer kleinen, aber feinen Tagung zur Textauszeichnung am Deutschen Literaturarchiv teil. Auf dem Heimweg kam mir in den Sinn, wie sehr sich die Praxis der Textauszeichnung doch im Lauf der Jahre verändert hatte. Ich fasste die Gedanken in einem Blogbeitrag zusammen und wählte als Titel die Frage – oder auch den Seufzer: Where have you gone, XML?

An XML selbst hat sich eigentlich nichts Wesentliches geändert. Es war und ist mehr oder weniger der gleiche Standard wie ein paar Jahre vorher. Geändert hat sich aber der Gebrauch von XML beziehungsweise von Markup generell. Dem Vorläufer SGML ging es zunächst um das sachliche Markup, das DIE sachliche Textstruktur unabhängig von jeder grafischen Gestaltung festhalten wollte. Mit XML gab es dann die Möglichkeit, eigene Tags zu definieren und damit weitergehende, im Prinzip beliebige Auszeichnungen vorzunehmen. Davon wurde auch reichlich Gebrauch gemacht. Es wurden Tags geschaffen für die verschiedenen Elemente eines kritischen Apparates, für Kommentare, Metadaten, Personen- und Ortsnamen. Auch grafische Gestaltungselemente des Originaldokuments wie Schriftart oder Zeilenfall werden in Editionen teilweise festgehalten. Es entstanden Auszeichnungssysteme z.B. für linguistische, literaturwissenschaftliche oder historische Zwecke.

Markup überwuchert den Text

Die Quo-Vadis-Frage ließ schon anklingen, dass diese Entwicklungen des Markup nicht nur als Fortschritt gesehen werden können. Ein erster und augenfälliger Effekt ist, dass der relative Anteil des Markups gegenüber dem Originaltext wächst, in nicht wenigen Fällen ihn um das Mehrfache übertrifft. Der Beispieltext in Abbildung 1, aus einem Wörterbuch von Campe, der noch nicht einmal vielfältigen Auszeichnungsinteressen dient, sondern nur mit linguistischen Tags versehen wurde, macht das deutlich. Nur die roten Stellen sind originaler Text, der Rest ist Markup.

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Anarchismus, Mystik, Sprachkritik

“Alle Philosophie ist Sprachkritik (aber nicht im Sinn Mauthners).“
Ludwig Wittgenstein

Mit dem Werk Fritz Mauthners, des mittlerweile nahezu unbekannten Pioniers sprachkritischer Philosophie an der Wende zum 20. Jahrhundert, haben wir uns am 9. Oktober 2019 im Logoi. Institut für Philosophie und Diskurs in Aachen beschäftigt und mit dem seines Freundes und Mitarbeiters Gustav Landauer (Bild).

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Philosophie als Sprachkritik

Das vielleicht überraschende Bild (Marc Chagall, Jakobs Traum von der Himmelsleiter) verweist auf die Leitermetapher bei Wittgenstein, bei Mauthner, bei O.F. Gruppe … – und in der (jüdischen) Mystik

Sprachkritische Philosophie ist nicht nur Sprachphilosophie im Sinne einer Philosophie der Sprache, sondern thematisiert Sprache als Grundlage der Philosophie. Sie wäre unzureichend bestimmt, wollte man in ihr nur die Bemühung um definitorische Präzisierung der Begriffe und allgemein um technisch-methodische Verbesserungen der Wissenschaftssprache einschließlich der der Philosophie sehen.

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Zweck und Mittel

Mit diesem Begriffspaar habe ich mich in der Vergangenheit viel beschäftigt und werde es in der Zukunft vielleicht wieder tun. Es ist mir nicht gelungen, die Thematik so launisch und kurz auf den Punkt zu bringen wie die Zeichnung. Mit anderen Worten: meine bisherigen Beiträge sind recht ernsthafte philosophisch-wissenschaftstheoretische Überlegungen. Man kann sich ihnen auf verschiedene Weisen nähern:

In der Diretissima. Bergsteigtechnisch ist das der eher anstrengende direkte Angang auf den Gipfel in womöglich dünner Luft. Warum man auf den Gipfel will, wird dabei nicht diskutiert, sondern vorausgesetzt. Inhaltlich würde ich es als eine knappe, recht abstrakte Darlegung charakterisieren, warum die Rede von Zweck und Mittel nicht so einfach ist, wie sie uns normalerweise scheint. Ich habe sie auf dem 16. Weltkongress für Philosophie im Jahre 1978 in Düsseldorf vorgetragen.

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Solidarisch reisen

Es gibt viele Weisen der Solidarität in Europa und besonders auch mit Europas Süden. Aber am deutlichsten wird die Solidarität doch, wenn sie auch zu persönlichen Kontakten führt. Wir werden bei unserer Direkthandelskampagne SoliOli oft gefragt, ob wir nicht Empfehlungen für Unterkünfte im Umfeld solidarischer und alternativer Ökonomie geben können oder sagen, wo landwirtschaftliche Kooperativen zu besuchen sind. Mit dieser Art des Reisens können kleine einheimische Betriebe statt internationaler Konzerne unterstützt werden, aber vor allem kann man mehr von Land und Leuten kennenlernen – und von Solidarität.

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Plädoyers für Faulheit

Als Start in die Faulheit hier schon mal einige Literaturempfehlungen. Einige nur als Titel, andere mit einem Textauszug zur Einstimmung.

Domenica sono occupata

Tom Hodgkinson, How to Be Idle

Contents Waking Up is Hard to Do / Toil and Trouble / Sleeping In / Skiving for Pleasure and Profit / The Hangover / The Death of Lunch / On being Ill / The Nap / Time for Tea / The Ramble / First Drink of the Day / On Fishing / Smoking / The Idle Home / The Pub / Riot / The Moon and the Stars / Sex and Idleness / The Art of Conversation / Party Time / Meditation / Sleep / On Holidays / A Waking Dream

It’s good to be idle. The purpose of this book is both to celebrate laziness and to attack the work culture of the western world, which has enslaved, demoralized and depressed so many of us. Doing nothing, however, is hard work, as Oscar Wilde pointed out. There are always so many people around trying to make you do things.

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