Rom vor / während Corona

Coronazeit – Vollglück in der Beschränkung

Idylle

Am überzeugendsten und überzeugtesten hat es wohl der Besitzer eines kleinen Cafes in der Fränkischen Schweiz zum Ausdruck gebracht. Er sagte über die Zeit, in der er sein Lokal coronabedingt schließen musste: Es waren die glücklichsten Wochen meines Lebens.

Keine Frage: vielen ging es ganz anders. Nicht nur jenen, denen Corona schwere Krankheit oder Tod brachte, auch denen, die durch die neue Situation in existentielle Bedrohung oder doch in Überbelastung gerieten. Aber es gab doch nicht so wenige, die diese Beschränkung nicht als Belastung, sondern als unverhoffte Idylle empfinden konnten.

Idylle? Ein Wort, das an alte Zeiten erinnert oder an die eigene Jugend. Was war da anders? Zunächst denken wir bei Idylle eher an einen Ort, eine reizvolle, friedliche Landschaft mit angenehmem Klima fern der Großstadt. Literaturhistorisch Bewanderte erkennen den locus amoenus und wissen , dass er in der antiken Hirtendichtung oft im Sehnsuchtsland Arkadien angesiedelt war.

Stehen gebliebene Zeit

Aber Corona hat uns in aller Regel nicht an einen anderen Ort gebracht, wohl aber in einen anderen Zeitrhythmus, und uns so belehrt, dass die Dimension der Zeit für die Idylle mindestens genauso wichtig ist. In Weit, weit, Arkadien stellt Klaus Luttringer den Bezug zwischen Arkadien und der stehen gebliebenen Zeit her. Damit kann zum einen die Abwesenheit von Fortschritt gemeint sein So wird auf Verluste verwiesen, die dieser mit sich bringt und die wir uns nicht gewünscht haben. Ein Beispiel ist die Unrast und Beschleunigung, die unser modernes Leben weitgehend bestimmt und die in der Coronazeit teilweise zurückgedreht wurde – und dies ist die zweite Bedeutung der stehen gebliebenen Zeit. Ein idyllisches Leben hat Raum für Müßiggang, Zärtlichkeit und Kunst. Dinge, die bei aller sonstigen Verschiedenheit eines gemeinsam haben: Sie brauchen Zeit. Es sind die Dinge, die so immer die Idee des zurückliegendenGoldenen Zeitalters ausgemacht haben. Eines ist dabei klar: die Quantität der Zeit ändert sich nicht, wohl aber die Weise, in der wir sie füllen.

Spektakuläres ist geschehen. Der Himmel über Berlin war mangels Luftverkehr leer in diesen Wochen. Auch öffentlicher und privater Verkehr fuhren in geringerer Taktzahl. Selbst Wirtschaft und Konsum wurden zurückgefahren. Es gibt wohl keinen Zweifel, dass, noch vor dem stets sich beschleunigenden Verkehr, unser kapitalvermehrendes und wachstumsgetriebenes Wirtschaftssystem samt seinen Arbeitsbedingungen die Hauptursache von Hetze und Beschleunigung darstellt. Kein Zufall daher, dass mir vor Corona als Beispiel für das Fortleben der Ideen von Idylle und Arkadien immer nur der Urlaub einfiel, die Zeit, in der wir gern schöne Landschaften besuchen und Muße für Genuss, Kultur, Kunst und Zärtlichkeit haben. Er ist ja definitionsgemäß die Zeit, in der wir vom vorgegebenen Arbeitsrhythmus entbunden sind.

Utopie einfachen Lebens

Möglich wird dies nur in einem einfachen Leben, das nicht alle Möglichkeiten ausschöpft oder ausschöpfen kann – seien es Reisemöglichkeiten oder Produktivität oder Gelderwerb. Nicht von ungefähr kann man eine solche Haltung auch als rückständig oder konservativ charakterisieren. Aber das ist allenfalls eine halbe Wahrheit: Freilich ist die Klage über Verluste rückwärtsgewandt, aber wie die großen _Utopien_ entspringt sie der Kritik an einer bedrückenden Gegenwart. Aus ihr können durchaus zukunftsgerichtete Ideen und zukunftsbestimmende Bewegungen, wie z.B. der Chiliasmus, entstehen. Gemeinsam mit der Reformation (Luther, 95 Thesen 1517) standen Utopie (Morus, Utopia 1516) und Arkadien (Sannazaro, Arcadia 1504) als bestimmende Ideen am Anfang der Neuzeit. Und heute orientieren sich jugenddominierte und zukunftsgerichtete, wenn nicht sogar utopische, Bewegungen wie die wachstumskritische DeGrowth- oder die Klimabewegung eher an idyllisch-arkadischen Vorstellungen als an denen der klassischen Utopie. Als Welt gestalten wollende Bewegungen sind sie freilich selbst nicht mehr idyllisch.

Bürgerliches Glück kleiner Leute

Seit der griechischen Antike wurden Hirtengedichte als Idyllen bezeichnet, was ursprünglich nur Skizze (Bildchen) bedeutete. Unser heutiger Wortsinn von Idylle bildete sich wohl erst seit dem 19. Jahrhundert heraus. Zum einen verlor er die enge Anbindung an die Gattung der Hirtendichtung. Zum anderen wurde er aber durch die Konnotation seiner räumlichen oder zeitlichen Begrenzung seinerseits eingeschränkt. Idylle erscheint jetzt nur als Insel in einer feindlichen Welt oder als glücklicher Moment in einem mühseligen Leben. Verglichen mit dem fernen Sehnsuchtsland Arkadien erscheint die bürgerliche Idylle als umzäunter Garten in einer Tradition, die vom Biedermeier über Spitzweg bis zur Gartenlaube reicht. Biedermeier war aber auch die Zeit der politischen Restauration und der Metternichschen Polizei, in der Glück nur im Privaten verwirklichbar schien Ein (klein)bürgerlicher Lebensentwurf also, der zweifellos auch die Gefahr geistiger und politischer Beschränktheit in sich birgt.

Einen Mitbegründer und Großmeister dieser bürgerlichen Idylle möchte ich von diesem Verdacht ausdrücklich ausnehmen (auch wenn er vielleicht häufig so gelesen wurde): Jean Paul (1763 – 1825), der in seiner Vorschule der Ästhetik die Idylle bestimmt als die Darstellung des Vollglücks in der Beschränkung. Beschränkung erscheint bei ihm häufig nicht als selbstgewählte, sondern als auferlegte. In einer tiefen Menschenliebe und Verbundenheit mit den „kleinen Leuten“ und ihren Nöten will er zeigen, dass und wie unter diesen Bedingungen gleichwohl Glück im Vollsinn des Wortes möglich ist. Es ist aber nur einer unter drei Wegen eines glücklichen Lebensentwurfes

Der erste besteht im idealischen, wir könnten auch sagen: utopischen, Flug über die Unbilden des Lebens hinweg, der zweite in idyllischem Sichbescheiden, in Jean Pauls Worten:

gerade herabzufallen ins Gärtchen und da sich so einheimisch in eine Furche einzunisten, dass, wenn man aus seinem warmen Lerchennest heraussieht, man ebenfalls keine Wolfsgruben, Beinhäuser und Stangen, sondern nur Ähren erblickt …

Der dritte endlich – den ich für den schwersten und klügsten halte – ist der, mit den beiden andern zu wechseln. (JP, Quintus Fixlein, Billett an meine Freunde).

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