Wissensallmenden

Wissensallmenden oder Creative Commons sind, anders als physische Allmenden gerade nicht durch Unvermehrbarkeit ausgezeichnet. Für sie gilt umgekehrt, dass sie, wenn sie einmal geschaffen sind, heutzutage mit großer Leichtigkeit vermehrt bzw. kopiert werden können. Damit entfällt letztlich auch die Rivalität. Anders als beim Apfel kann ein Buch oder seine billige elektronische Kopie von mehreren gelesen werden. Hier ist gerade die in Zeiten der Digitalisierung prinzipiell unbegrenzte Vermehrbarkeit Anlass, den Begriff der Allmende auf diesen Bereich zu übertragen, nämlich unbegrezten Zugang für Freie Software, Creative Commons (Künstlerische und wissenschaftliche Texte, Musik, bildende Kunst), Saatgut und Medikamente zu fordern und für ihre Produzenten andere Entgeltformen zu entwickeln. Anders als der Name Urheberechte suggeriert, kommen diese gerade in den Zeiten der grenzenlosen Kopiermöglichkeiten in der Regel nicht den Urhebern, sondern großen Konzernen zugute. Wie die traditionelle Allmende geht auch die Bewegung für freie Software von dem Ineinandergreifen von Privatem und Gemeinem aus. Insbesondere die Infrastruktur (Betriebssysteme, Programmiersprachen) sollen frei zugänglich sein, ohne dass es verwehrt ist, diese für private Zwecke auch kommerziell zu nutzen.
Zweifellos wird es noch einiger Anstrengungen bedürfen, um im Rahmen der Wissensallmende gerechte Entgeltmodelle für die Autoren zu entwickeln. Aber auch diese neuen Allmenden sind nicht so ganz neu und können bereits auf erprobte und erfolgreiche Modelle verweisen. An erster Stelle ist hier die Wissenschaft zu nennen. Hier war es, wenn wir von neuen Entwicklungen vor allem im techniknahen Bereich absehen, immer üblich, das Wissen frei zugänglich zu machen. Ein Axiom eines Mathematikers, eine Entdeckung eines Historikers – sie waren immer zunächst der wissenschaftlichen Öffentlichkeit, indirekt aber damit auch der Allgemeinheit zugänglich. Zum wissenschaftlichen Ethos gehörte es, den Urheber zu zitieren, aber verwendet werden durften diese Erkenntnisse jederzeit frei. Möglicherweise konnte der Wissenschaftler mit der Veröffentlichung seiner Erkenntnise etwas Geld verdienen, was aber in der Regel nicht seinen Lebensunterhalt bildete. Vor allem aber: die Inhalte des Buches waren frei. Mit der Verbreitung von Patenten in den Bereich der Wissenschaft hinein beginnt das Ende dieser Freiheit. Die Freiheit des Wissenszugangs ist aber konstitutiv für Wissenschaft, wie wir sie kennen. Firmenforschung ist etwas anderes.
Ein weiteres Einfallstor in die Wissensallmende sind die großen Wissenschaftsverlage. Aus Reputations- und Karrieregründen müssen Wissenschaftler, meist unentgeltlich, in „peer-reviewed“ Zeitschriften veröffentlichen. Alle Arbeit für dies Aufsätze, mittlerweile bis hin zur druckfertigen Fassung, geschieht durch die (hoffentlich) anderweitig, z. B. öffentlich bezahlten Wissenschaftler. Mit dem Abdruck gehen die Urheber- und Nutzungsrechte an den Verlag, der dann für teueres Geld die Ergebnisse wieder an die (Bibliotheken der) Universitäten verkauft, die sie produziert haben. Das Beispiel macht deutlich, dass die geistigen Monopolrechte mitnichten immer den Urhebern der geistigen Leistung zugute kommen.
Ein weiteres und letztes Beispiel: Saatgut. Auch im traditionellen Saatgut steckt Wissen, nicht so sehr von einzelnen Wissenschaftlern, sondern von Generationen von Bauern. In der Gestalt des Samenkorns wird dieses Wissen von der letzten Ernte zur neuen Aussaat weitergegeben. Das war das Wissensallmenderecht der Landwirte über Jahrtausende. Heute dürfen die so entwickelten Sorten in der Regel nicht mehr verwendet werden, da sie keine Zulassung besitzen. Stattdessen müssen die wenigen, nicht selbst vermehrbaren Sorten einiger Monopolkonzerne verwendet werden, was mit einer drastischen Einschränkung der Biodiversität einhergeht. Zwar gibt es in Deutschland seit kurzem Gesetze, die dieses Recht wieder herzustellen scheinen, aber diese sind so abgefasst, dass sie definitionsgemäß nur greifen, solange es sich um unbedeutende Nischen handelt. Dem globalen Zugriff der Saatgutkonzerne kann man sich mit ihnen nicht entziehen.

(Das Bild zeigt die griechische Saatgutinitiative, die sich um die Züchtung und Verbreitung traditionelle Samen verdient macht.)

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