Botschaft von Arkadien

Im Anschluss an seine Ausstellungen hat Peter Kees ein Buch herausgebracht, sinnigerweise sogar im Arkadien-Verlag und mit dem doppelsinnigen Titel „Botschaft von Arkadien“ – denn als deren Repräsentant tritt er ja seit langem auf. Ich durfte einen Beitrag beisteuern und den repliziere ich hier. Im November 2017 haben wir den Band in einer Podiumsdiskussion in dem Literaturhaus in der Fasanenstraße in Berlin vorgestellt.

Arkadien – Ort der Idylle und der Utopie

Zunächst ist Arkadien eine einfache Sache: eine liebliche Landschaft in ewigem Frühling, mit Bäumen, Wiesen und einer Quelle oder einem See, in der Hirten ein einfaches, aber glückliches Leben führen in einer friedlichen Welt voller Müßiggang, Kunst und Liebe. Ein Literaturwissenschaftler erkennt darin den Topos des locus amoenus. Wir nennen so etwas oft eine Idylle. Alles eigentlich zu einfach, um die Jahrhunderte, ja Jahrtausende alte Faszination zu erklären, die diese Wunschlandschaft ausgeübt hat.

Welche Sehnsüchte erfüllt dieser Ort? Offenbar solche, die viele von uns auch bei der Wahl ihrer Urlaubsziele leiten. Im Web finden wir auch heute noch touristische Angebote „in idyllischer Landschaft“ oder „eine perfekte Idylle in der Nähe der Großstadt“. In unseren Urlaubswünschen lebt etwas fort von dem, was einst als Arkadien oder „Goldenes Zeitalter“ Dichtung und Theorie beschäftigte. Wir fahren gern in eine schöne Landschaft mit viel Natur und hoffen auf angenehmes Wetter. Häufig verbindet sich das mit einfacheren Gesellschaften und Lebensformen. Wir haben dann Zeit, dem Müßiggang, dem Kulturgenuss und anderen Genüssen nachzugehen. Denn, nicht zu vergessen, der Urlaub ist die Zeit, in der wir nicht arbeiten müssen. Das macht ihn ja gerade aus.

Aus diesem scheinbar harmlosen Umstand können wir viel über Arkadien lernen. Die Arbeit, deren Abwesenheit Urlaub und Arkadien konstituiert, hat selbst natürlich nichts Idyllisches oder Arkadisches in sich. Sie kann unangenehm, lästig, belastend oder schrecklich sein. Jedenfalls sind ihre Abwesenheit und die dadurch eröffneten Möglichkeiten gerade das Ersehnte. Wir dürfen nicht nur auf das sehen, was sich positiv in Arkadien zeigt. Gerade was nicht in ihm vorkommt, macht sein Wesen und seinen Reiz aus. Nicht nur der Wunsch nach Müßiggang, auch der nach Frieden oder Liebesfreiheit sind von dieser Art. Erst der Hintergrund der Schrecknisse des Krieges und der Unterdrückung von Lust und Liebe lässt ihre Faszination im Bild des arkadischen Lebens verstehen. Wenn man diese Entstehung der arkadischen Welt aus der Negation der belastenden Wirklichkeit verstanden hat, wird auch schnell klar, dass Arkadien durch die Aufzählung des dort Negierten nicht abschließend bestimmt werden kann. Es ist zum Beispiel auch eine Welt ohne Staat, ohne Militär, ohne Wachstum, oft ohne Geld und Ackerbau und so weiter. Und wie sich die Welt im Lauf der Geschichte verändert hat, wurde auch das Wunschbild Arkadien stets anders akzentuiert.

Die ältesten uns überlieferten Hirtengedichte waren die „Idyllen“ Theokrits (um 270 v.Chr.) , Idyllen nicht in der uns geläufigen Bedeutung, sondern im Sinn von Skizzen (gr. „Bildchen“). Das Wort wurde zu einem Synonym für Hirtendichtung. Sie spielten in seiner sizilianischen Heimat. Vergil hatte in seinen Eklogen (ca. 40 v.Chr.) Arkadien als das Land eines idealisierten Hirtenlebens in die antike Hirtendichtung eingebracht – nach dem Vorbild des als einfach und urtümlich geltenden, aber unidealisch wirklichen Arkadiens auf der Peloponnes.

Die Entstehung aus der Negation konkreter Missstände des jeweiligen Lebens und der jeweiligen Gesellschaft teilt Arkadien mit der Utopie. Beide wollen und beschreiben eine bessere Welt. Aber es gibt auch erhebliche Unterschiede.

Nehmen wir als Beispiel die Arbeit und ihre ungleiche Verteilung unter den Menschen. Im „Sonnenstaat“ beklagt Campanella 1602,

70000 Menschen leben in Neapel, und von ihnen arbeiten kaum zehn- oder fünfzehntausend. Diese kommen durch übermäßige, andauernde, tägliche Arbeit herunter und gehen zugrunde. Die restlichen Müßiggänger aber verderben gleichfalls, und zwar durch Faulheit, Geiz, körperliche Gebrechen, Ausschweifung, Wucher usw. …

Die Utopie nimmt das zum Anlass, eine Gesellschaft zu entwerfen, in der die Arbeit gerecht verteilt wird, und Institutionen einzurichten, die das gewährleisten. In Arkadien dagegen wird gar nicht gearbeitet, zumindest keine Arbeit getan, die als belastend oder entfremdet empfunden wird. Und Institutionen braucht man dort auch nicht.

Das Liebesleben hält sich in den Utopien genau so wenig wie in den Idyllen an die jeweiligen Konventionen. Bei Campanella haben Frauen gleichzeitig mehrere Männer, Männer dagegen nacheinander mehrere Frauen. Aber diese Abweichung wird begründet aus gerechtfertigten Bedürfnissen und der Sorge um den Nachwuchs. Die Überlegenheit der besseren Welt erweist sich durch ihre höhere Rationalität. Die traditionelle Einordnung der Utopien als Staatsromane, und damit als literarische Texte, führt in dieser Hinsicht in die Irre. Sie stehen in der Tradition diskursiver Texte, insbesondere in der Nachfolge von Platons Politeia (Anfang 4.Jhdt v.Chr.).

Wohlan, sprach ich, lass uns also in Gedanken eine Stadt von Anfang an gründen. Es gründet sie aber, wie sich zeigte, unser Bedürfnis. – … – Aber das erste und größte aller Bedürfnisse ist die Herbeischaffung der Nahrung des Bestehens und Lebens wegen. – … – Das zweite aber die Wohnung; das dritte Bekleidung und dergleichen.

Wie gerechtfertigte Bedürfnisse gerecht erfüllt werden können, ist das zentrale Thema der Utopien.

Nicht so in Arkadien. Die Erfüllung der Grundbedürfnisse ist hier kein Thema, sie wird als gegeben vorausgesetzt, zum einen durch eine gütige Natur, zum anderen durch die Beschränkung auf die Bedingungen eines einfachen Lebens.

So entsteht der Freiraum, in dem die eigentlich arkadischen Bedürfnisse zur Erfüllung kommen können, die vor allem auf Müßiggang, Liebe und Poesie gerichtet sind. Hegel, der dem arkadischen Leben nicht wohlgesonnen war, beschreibt sie spöttisch als „mit so vieler Sentimentalität als möglich solche Empfindungen zu hegen und zu pflegen, welche diesen Zustand der Ruhe und Zufriedenheit nicht stören, d.h. in ihrer Art fromm und zahm zu sein, auf der Schalmei, der Rohrpfeife usf. zu blasen oder sich etwas vorzusingen und vornehmlich einander in größter Zartheit und Unschuld liebzuhaben.“55

Bei Tasso (Aminta, 1573/80) hört sich das so an:

“ Ich tat, als hätt mich in die Unterlippe/ Ein Bienchen auch gestochen … / und Silvia voller Einfalt,/ …/ Erbot sich, abzuhelfen/ Der vorgetäuschten Wunde – ach, sie machte/ Noch tiefer, tödlicher/ Die eigentliche Wunde./ … / Nicht saugt aus einer Blume/ So süßen Honig eine Biene, wie ich / Entsog den frischen Rosen,/ Ob auch die glühnden Küsse,/ Getrieben von der Lust, sich zu befeuchten,/ Angst zügelte und Scham,/ So dass sie sanft, gewiß,/ Und nicht sehr mutig waren./ Doch während mir ins Herze/ Die zarte Süße drang,/ Geheimen Giftes voll,/ Empfand ich solche Wonne,/ dass ich, behauptend, noch nicht sei vergangen/ Der Schmerz vom Bienenstiche,/ Erreichte, dass sie mehrmals/ Den Zauber wiederholte./ Seitdem begannen ständig zuzunehmen/ Die ungestillte Leidenschaft und Gier, …“

Hier wird nicht argumentiert, sondern veranschaulicht, vergegenwärtigt, ausgemalt. Nicht Bedürfnisse werden gerechtfertigt, sondern Wünsche geweckt oder wachgerufen. Es sind die Mittel der schönen Literatur, die hier zum Einsatz kommen, nicht die des Diskurses. Es ist eine Wunschwelt und kein gesellschaftspolitisches Programm – und schon deshalb kein Gegenentwurf zur Utopie. Leicht werden sie daher als Fiktionen unverbindlich-spielerischen Charakters ohne theoretischen Wert und ohne praktische Relevanz betrachtet. Aber artikulieren sie nicht in anderer Hinsicht viel tiefer das, was wir wirklich wollen, nicht was uns am Leben erhält, sondern warum wir leben wollen? Schon Fontenelle (Discours sur la nature de l’eglogue, 1688, engl. Of

Pastorais 1695) schrieb: „(Therefore, pastoral poetry must present) a concurrence of the two strongest Passions, Laziness and Love.“ Es sind eben die, auf die Freud zweihundert Jahre später Bezug nimmt: „Mit der Erkenntnis, dass jede Kultur auf Arbeitszwang und Triebverzicht beruht …“ (Werke, Bd. XIV, S.327) Arkadien artikuliert diese Bedürfnisse durch die Fiktion ihrer Erfüllung. Ob und wie sie sich wirklich erfüllen lassen ist eine weitergehende Frage.

Arkadien ist ein Land nicht nur der Liebe und des Müßiggangs, sondern auch und gerade der Kunst. Nicht nur sind seine Hirten „des Singens und Dichtens kundig“. Oft sehen sich die Dichter in den von ihnen imaginierten Hirten verkörpert. So wurde Arkadien auch schon früh zu einem Ort der literarischen Selbstreflexion. Das reicht hin bis zu Schillers „Naive und sentimentalische Dichtung“ (1796) und darüber hinaus. Bruno Snell (Die Entdeckung des Geistes, 1946) spricht von der Entdeckung einer geistigen Landschaft. Eines ihrer wesentlichen Elemente ist die Integration einer sich schon auflösenden antiken Mythologie. Vorher undenkbar leben menschliche Hirten neben Nymphen, Faunen und Göttern, insbesondere dem Hirtengott Pan. Und dann verbindet sich noch ein besonderer Mythos mit Arkadien, der vom Goldenen Zeitalter (oder der Zeit des Kronos), in dem die Menschen frei von mühseliger Arbeit in ewigem Frühling in Frieden mit Göttern und Tieren lebten. Während wir gewohnt sind, Utopien in der Zukunft anzusiedeln, liegt das Goldene Zeitalter in der Vergangenheit. Sein Gestus ist nicht der der Hoffnung, sondern des Verlusts. Es deshalb einfach für rückwärtsgewandt zu halten, wäre verkürzt, weil es ja eben keinen Gesellschaftsentwurf darstellt. Das Verhältnis der fiktiven Bedürfniserfüllung zu ihrer (utopischen) realen muss nicht in der direkten Umsetzung bestehen, sondern kann sehr viel komplexer gedacht werden.

Ein Träger der Wiederbelebung Arkadiens in der Neuzeit waren die Humanisten, die ihre Werke in einer Welt spielen ließen, die sie der antiken Literatur entnommen hatten. Zugespitzt wird das in dem Bonmot, Arkadien liege eigentlich in der antiken Literatur – auch hier ein Echo des Gestus der verlorenen Vergangenheit. Ein anderer Träger waren, zunächst vielleicht überraschend, die Fürstenhäuser, die sich für das einfache Leben begeisterten. Nicht nur das: Tassos Hirtenspiel Aminta, in dem der höfische Begriff der Ehre massiv angegriffen wird, fand seine Uraufführung an einem der vornehmsten Höfe Italiens, dem der d’Este in Ferrara – unter großem Beifall. An den Höfen und bei den Humanisten gab es auch die ersten Versuche des an sich problematischen Unterfangens einer Realisierung Arkadiens, allerdings nicht als gesellschaftliche Umgestaltung, sondern als Spiel. In Nürnberg trafen sich die Akademiker als Pegnitzschäfer, die Hofdamen bis hin zu Marie-Antoinette inszenierten Schäferspiele und die Parks wurden nach dem Vorbild Arkadiens gestaltet.

Erst sehr viel später gab es ernsthaftere Versuche, arkadisches Leben in kleinem Maßstab umzusetzen, so in einer der ersten Aussteigerkommunen auf dem Monte Verita am Ende des 19. Jahrhunderts, die diesen Berg ausdrücklich auch wegen seiner „arkadischen Qualitäten“ ausgewählt hatte. Da scheint noch einmal ein utopisches Moment an Arkadien auf, interessant gerade auch deshalb, weil sich heute die alternativ gesonnene Jugend mehr an diesem arkadischen Ideal als an klassischer politischer Utopie auszurichten scheint – eine eher anarchische, staats- und institutionenskeptische Orientierung an kleinen, oft ländlichen Gemeinschaften. Bereits Mendelssohn (Briefe, die neueste Literatur betreffend, 1760) benennt als Hauptmerkmal der Idylle die “Darstellung kleinerer Gesellschaften” : “Das Landvolk, Schäfer, Jäger, Fischer u.d.g., sind Leute, die als Familien und Freunde untereinander leben, keine höhere gesellschaftliche Verhältnisse kennen, und wenn sie auch durch geheime Bande mit einem großen Staat verknüpft sind, so sind diese Bande doch so versteckt, dass sie der Dichter unsern Augen völlig unsichtbar machen kann.“

Die große Zeit der klassischen arkadischen Dichtung war da aber schon lang zu Ende gegangen. Die Idylle, bis hierher gleichbedeutend mit der literarischen Gattung der Hirtendichtung, wurde an ihrem End- und Höhepunkt gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Jean Paul bestimmt als die Beschreibung des „Vollglücks in der Beschränkung“ (Vorschule der Ästhetik, 1804). Zugleich löste sie sich damit von ihrer ursprünglichen pastoralen Bedeutung und wurde zum Allgemeinbegriff der Darstellung eines einfachen, glücklichen und friedlichen Lebens. Damit einher gingen dann aber teilweise auch unpolitische Tendenzen zur bürgerlichen, auch nationalen Beschränkung, die der Gattung vom Ursprung her fremd waren. Die „Idyllen der Deutschen“ spielen dann auch nicht mehr in Arkadien.

Arkadien, das anfangs so einfach schien, ist ziemlich vielgestaltig geworden. Wo Peter Kees arkadische Botschaften oder Quadratmeter etabliert, tut er das, ganz arkadisch, als Kunst, aber immer auch in einer globalen und humanen politischen Perspektive – und er tut es, das ist nicht zu übersehen, im Kontext von Landschaft. All die vielfältigen Konnotationen von Arkadien dürfen nicht vergessen lassen, dass es zuallererst und auch am Ende eine zwar geistige, aber doch eben auch eine Landschaft bleibt. Und deshalb soll ein Experte für Landschaft, der Schweizer Landschaftsschützer Raimund Rodewald das letzte Wort haben: „Wir haben heute Arkadien als Utopie von einst nötiger denn je. Eine Welt ohne Arkadien ist eine untergegangene Welt, eine Welt ohne Poesie und Musik ebenso!“

 

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