Theokrit (300 v. Chr.), Idyllen: Daphnis und Menalkas

Daphnis, der liebliche Hirt, lieB hoch im Gebirge die Rinder weiden. 

Da traf ihn, so heiBt es, der Hüter der Schafe, Menalkas.

Blondhaarig waren sie beide, dem Alter nach beide noch Knaben;

doch sie verstanden die Syrinx zu spielen und munter zu singen.

Und Menalkas begann, den Blick auf Daphnis gerichtet:

»Hüter der brüllenden Rinder, mein Daphnis, möchtest du singen?

Siegen will ich, in allem, was ich im Wettstreite biete.«

Antwort erteilte sogleich ihm Daphnis mit folgeriden Worten: 

»Hüter der wolligen Schafe, du Bläser der Syrinx, Menalkas, 

nie wirst mich du besiegen, was du im Wettstreit auch anstellst!«


Derart sangen die Knaben. Der Ziegenhirt sprach jetzt das Urteil:

»Angenehm klingt dein Ausdruck, Daphnis, und lieblich die Stimme.

Deinem Gesange zu lauschen ist süßer, als Honig zu schlecken. 

Nimm die Flöten; du hast den Sieg im Wettstreit errungen. 

Wünschtest du freilich auch mich beim Hüten der Ziegen ein wenig

singen zu lehren, so biete ich, dort, dir die hornlose Ziege, 

die dir beständig bis über den Rand den Melkeimer anfüllt.«

Freude ergriff den Jungen aber den Sieg, er vollführte Sprünge und klatschte: 

So munter springt um die Hirschkuh das Kälbchen.

Bitterlich grämte sich aber der andre, ihn packte der Kummer: 

Ebenso trauert ein Mädchen, das eben die Ehe geschlossen.

Seitdem galt im Kreise der Hirten Daphnis als erster, führte 

als Gattin die Quellnymphe heim, noch in blühender Jugend.