Sprachphilosophie

Sprachphilosophie als Metaphysikkritik

Obwohl die historischen Wurzeln dieser Auffassung weiter zurückreichen, gelten heute als Ursprünge der sprachkritischen Tradition weithin die Philosophie des frühen Wittgenstein und die des Wiener Kreises. Sprachkritik erscheint hier als Philosophie- und Metaphysikkritik. Sie tritt auf im Verein mit empiristischen, physikalistischen und behaviouristischen Tendenzen. Es wäre aber falsch, daraus zu folgern, sie gehe notwendig mit diesen zusammen. Dies war der Fall beispielsweise bei Carnap und Neurath. Dagegen gilt es heute als gesichert, dass Wittgenstein auch schon in der Zeit des Tractatus logico-philosophicus eher als Kritiker dieser Richtungen gesehen werden muss. Richtig ist wiederum, dass auch er und andere Vertreter einer kritischen Position ihren Standpunkt in Auseinandersetzung mit dem Empirismus bildeten, dessen Argumente aufnahmen; und sicher war das Ergebnis von den traditionellen Gegentheorien des Empirismus gleichermaßen entfernt wie von diesem.

Das Neue dieser Metaphysikkritik liegt, auch nach dem Selbstverständnis ihrer Vertreter, in der Bezugnahme auf die durch Frege und Russell weiterentwickelte Logik. Dabei sind es fast nie die logischen Schlussregeln, die den Maßstab der Kritik bilden, sondern die logische Binnenstruktur einzelner Sätze, die sich aus einer Art logischer Grammatik ableitet. Diese logische Grammatik deckt sich nicht mit der der natürlichen Sprache. Vielmehr ist es, zum Beispiel bei Carnap, die Differenz zwischen der üblichen und der logischen Grammatik, die die Entstehung sinnloser Metaphysik zuläßt. Diese besteht aus genau den Sätzen, die zwar im üblichen Sinn grammatisch korrekt gebildet werden können, die aber gegen „die tiefen inneren Regeln der logischen Syntax“ verstoßen. 18/Aus dieser Konzeption ergeben sich zwei Aufgaben sprachkritischer Philosophie: zum einen die bereits angesprochene Kritik der Metaphysik mit Hilfe der Logik und zum andern der Aufbau einer Wissenschaftssprache, die sich an eben dieser logischen Grammatik orientiert und die von vornherein die durch die ungenügende Struktur der natürlichen Sprache nahegelegten Fehler zu vermeiden hilft. Die in dieser Sprache formulierbaren Sätze bilden den Bereich des sinnvollen, mit Wahrheitsanspruch auftretenden Redens.

Auch in Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus wird der Bereich des sinnvoll Behauptbaren durch die Logik eingegrenzt . Der Tractatus unterscheidet sich allerdings, abgesehen von der positiveren Einstellung Wittgensteins zum Bereich des Unsagbaren, in der Art der Anknüpfung an die philosophische Tradition. Zwar meint auch Wittgenstein, alle Philosophie sei Sprachkritik und auch er erhofft sich, dass auf diese Weise die philosophischen Probleme endgültig gelöst werden können. Auf der anderen Seite finden sich aber auch Hinweise, die eher auf eine Fortführung philosophischer Tradition in anderer Gestalt deuten, wenn er beispielsweise sagt:

„Die Erkenntnistheorie ist die Philosophie der Psychologie. Entspricht nicht mein Studium der Zeichensprache dem Studium der Denkprozesse, welches die Philosophen für die Philosophie der Logik für so wesentlich hielten. Nur verwickelten sie sich meist in unwesentliche psychologische Untersuchungen, und eine analoge Gefahr gibt es auch bei meiner Methode. „19/

Eine positive Anknüpfung an die philosophische Tradition findet sich auch bei Ryle, der sich explizit dagegen ausspricht, dass es Aufgabe der Philosophie sei, sich mit der Klärung sinnloser Ausdrücke zu befassen, und der damit auch die Auffassung ablehnt, historische philosophische Positionen sollten unter diese Kategorie gefasst werden. Der Philosoph befasst sich ihm zufolge

„ex officio gerade nicht mit Schwärmerei und Faselei: er studiert Ausdrücke hinsichtlich ihrer Bedeutung bei verständigem und verständlichem Gebrauch, nicht jedoch als Geräusche, die von irgendeinem Narren oder Papageien ausgestoßen werden.“20/

Betrachtet man seine eigene Analyse systematisch irreführender Ausdrücke, so geht es dabei nicht um sinnlose Redeweisen, sondern um solche, die hinsichtlich der Interpretation ihrer Struktur irreführen. Man stößt dabei auf Probleme von der Art des Nachweises, dass Existenz kein Prädikat sei, auf Probleme also, wie sie bereits Kant behandelt hat. Hier wie bei Wittgenstein lässt sich sprachkritische Philosophie eher als eine Fortführung erkenntnistheoretischer und anderer schon traditioneller philosophischer Probleme charakterisieren denn als deren Ablehnung als sinnlose Fragestellungen. Dessen ungeachtet verkörpert auch sie Metaphysikkritik als Zerstörung dogmatischer Gewissheiten, dies allerdings in einem philosophiegeschichtlich durchaus nicht neuen Sinn.

Fortführung von Vernunftkritik

Nicht zufällig ist es wieder Kants Konzeption von Philosophie, von der aus sich am deutlichsten Kontinuitäten zur sprachkritischen Philosophie aufweisen lassen. Wenn auch der Gehalt derartiger Übereinstimmungsbehauptungen sich letzlich an den Inhalten erweisen muss, soll hier doch zunächst kurz angedeutet werden, daß sich durchaus historische Zusammenhänge angeben und Belege für das Bewusstsein dieser Zusammenhänge finden lassen. Innerhalb der sprachkritischen Philosophie gibt es nämlich einen Topos, der die eigenen Bemühungen auffasst als eine Erweiterung und Vervollkommnung der Kantschen Vernunftkritik, und dieser Topos ist keine späte Zutat, sondern begleitet diese Philosophie von ihren Anfängen an. 21/ Die Äußerungen Hamanns von 1784, dass nach der Kritik der Überlieferung und des Glaubens und nach der Kritik der Erfahrung

„der dritte, höchste und gleichsam empirische Purismus (…) also noch die Sprache (betrifft), das einzige, erste und letzte Organon und Kriterion der Vernunft“22/

und Jacobis von 1792,

„es fehlte nur an einer Critik der Sprache, die eine Metakritik der Vernunft seyn würde, um uns alle über Metaphysik eines Sinnes werden zu lassen“23/

werden in sprachphilosophischen Arbeiten des ganzen 19. Jahrhunderts explizit zitiert und noch häufiger wird auf ihre Verfasser Bezug genommen.24/ Der Topos findet sich bis in die neuere Diskussion, beispielsweise bei Stegmüller, der die analytische Sprachphilosophie als eine „Radikalisierung der kantischen Position … von der Ebene der Vernunft auf die Ebene der Sprache“23/ charakterisiert, allerdings ohne Bezugnahme auf die historischen Vorgänger.

Diese Kontinuität zeigt sich auch in den Bemerkungen Wittgensteins: „Die Logik ist v o r jeder Erfahrung, dass etwas s o ist.“ und „Die Logik ist transzendental“ 26/ Noch einen Schritt weiter gehen Janik und Toulmin, wenn sie in Kant den entscheidenden Wegbereiter für die moderne Sprachphilosophie sehen und dabei sehr deutlich einen zentralen Punkt der latenten Gegensätze von Sprachphilosophie und Empirismus herausarbeiten. Sie gehen aus von einer Situation, in der Sprache zwar stets ein interessantes, aber doch nachrangiges Thema der Philosophie war:

„Nobody did more to change this situation, in the long run, than Immanuel Kant. … Previously, the primary topics for any philosophical theory of knowledge had been ’sense perception‘ and ‚thought‘ … Kant’s emphasis on the role of the ‚forms of judgment‘ in giving a ’structure‘ to knowledge implicitly challenged the subsidiary role hitherto allotted to language and grammar. According to his account, the logical or linguistic forms of judgment were the forms, also, of any genuine ‚experience‘. … So, instead of beginning our philosophical analysis of knowledge with raw sense impressions – as the empiricists have done – we must now treat the basic data of experience as comprising structured sensory ‚representations‘ or Vorstellungen. The common forms of language and thought were built into our sense experience, or representations, from the very start; and the limits or boundaries of the ‚reason‘ were thus, implicitly, the limits or boundaries of representation and language also.“ 27/

Hinsichtlich der angesprochenen Aspekte kann zunächst von einer Kontinuität von Transzendental- und Sprachphilosophie gesprochen werden, die sich erweist in der übereinstimmenden Ablehnung eines vor dem „zweiten Purismus“ einer „Kritik der Erfahrung“ liegenden realistischen Empirismus. Als realistisch wird – in Abhebung von einem im Forschungskontext pragmatisch begründeten methodologischen Empirismus – ein Empirismus bezeichnet, der eine vorgegebene Welt annimmt, die über den Sinnesapparat in das Bewusstsein „abgebildet“ wird und der in eben diesem Bezug auf eine bereits vorhandene und strukturierte Realität seine Rechtfertigung sieht. Er neigt deshalb dazu, konkurrierende Erkenntiskonzepte nicht auf Nach- und Vorteile hin abzuwägen, sondern als Bestreiten der Realität aufzufassen und argumentiert gegen sie mit dem Hinweis, dass dies nicht möglich sei.

Auch wenn der Bezugspunkt Sprache bald wieder zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Sprach- und Transzendentalphilosophie führt, verdient der angesprochene Einklang doch festgehalten zu werden, da er einigermaßen überraschend ist angesichts der Tatsache, dass die sprachkritische Philosophie des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts überwiegend eher auf Seiten des Empirismus gesehen wird, und das nicht ohne Grund. Ungeachtet der empiristisch getönten Aspekte der Sprachkritik, auf die noch einzugehen sein wird, muss betont werden, dass die Beziehung zwischen Sprachphilosophie und Empirismus durchaus ambivalent ist. Es wurde schon angedeutet , dass sich bereits im Wiener Kreis und seinem Umfeld neben Vertretern einer an Mach und Avenarius anschließenden empiristischen Tradition auch solche fanden, die sich, vermittelt durch Schlick und die Physiker Hertz und Boltzmann in mancher Hinsicht eher an Kant orientierten. Aber auch die Neopositivisten im engeren Sinn nahmen das Attribut in „logischer Empirismus“ ernst und betrachteten es nicht, wie Fernerstehende häufig, lediglich als Epitheton ornans. Sie waren sich bewusst, dass die Bezugnahme auf die Logik eine erhebliche Veränderung gegenüber dem traditionellen Empirismus und besonders gegenüber positivistischen Vorstellungen bedeutete. Sie übersahen freilich noch nicht, in welch erheblichem Maß die in Gestalt der Logik in das Erkenntniskonzept eingeführte Sprache einen Stachel im Fleisch des Empirismus darstellen würde.

Realistische Ontologie

Sprachphilosophische Einwände berühren aber nicht nur einen realistischen Empirismus, sondern auch die hier als realistische Ontologie bezeichnete philosophische Position, die weder mit Begriffsrealismus, im Gegensatz zum Nominalismus, noch mit Realismus im neuzeitlichen Sinn, im Gegensatz zum Idealismus, gleichzusetzen ist. Gemeint sind – teilweise sehr alte – Weisen des Philosophierens, die, obgleich ihren Gegenständen und Unterscheidungen offensichtlich ein besonderer Status zukommen soll, doch so reden, als seien diese neben anderen Gegenständen „in der Welt“ und nicht beispielsweise im Bewusstsein oder in der Sprache aufzufinden. Zu diesen Gegenständen gehören etwa Universalien, platonische Ideen, Attribute, Ereignisse. Aber schon die Charakterisierung ihres Sonderstatus ist nicht einfach, weil ihre Abgrenzung und besonders auch die Besonderheit der sie betreffenden Erkenntnis in Abhebung von normalem empirischen Wissen sie als schwer greifbar, eben als im umgangssprachlichen Sinn metaphysisch erscheinen lassen. Transzendental- und Sprachphilosophie finden sich hier Seite an Seite, wenn sie diese Schwierigkeiten darauf zurückführen, dass der Ursprung dieser Unterscheidungen falsch lokalisiert sei. Diese müssten nämlich (transzendentalphilosophisch) als Hervorbringungen des Verstandes beziehungsweise (sprachphilosophisch) als sprachliche Strukturen begriffen werden.

Wie schon oben angesprochen, bezieht sich die sprachkritische Philosophie bei ihren Analysen auf eine Struktur der Sprache, die mit der grammatischen im üblichen Sinn nicht identisch sein soll, deren genauer Status aber noch zu erörtern sein wird. Vorerst soll von ihr als der einer logischen Grammatik die Rede sein, weil trotz der inhaltlichen Differenz die formale Entsprechung zu grammatischen Fragestellungen offensichtlich ist. In einer logischen Grammatik werden hinsichtlich ihrer Funktion im Satz verschiedene Wortarten unterschieden, beispielsweise Eigennamen und Prädikatoren. Die Behauptung, ‚Existenz‘ sei kein Prädikator, stellt demnach (selbstverständlich) keine empirische Behauptung über Existenz dar, auch keine Begriffsbestimmung von ‚Existenz‘, sondern eine Feststellung über die Übereinstimmung eines Gebrauchs oder eines Verständnisses eines Wortes mit den Regeln der logischen Syntax. Ryle bezeichnet sie als Feststellungen über die Kategorien, denen ein Wort angehört – und dementsprechend Abweichungen von der logischen Grammatik als Kategorienfehler. Auf der Ebene einer realistischen Ontologie finden sich entsprechende Unterscheidungen, beispielsweise die von Einzelgegenständen und Universalien, und entsprechende Behauptungen, die die Tradition ebenfalls von empirischen oder definitorischen Feststellungen abheben würde. Dass hier ein inhaltlicher Zusammenhang gesehen werden kann, deutet bereits Wittgenstein verschiedentlich an, zum Beispiel in PU 371 „Das Wesen ist in der Grammatik ausgesprochen.“28/ Die Wiederaufnahme ontologischer Probleme in logisch-grammatischer Gestalt ließe sich an vielen Einzelproblemen der analytischen Philosophie aufweisen, beispielsweise am „modernen Universalienstreit“ . 29/

Indem man diese Kontinuität zugesteht, distanziert man sich zugleich von der radikalen Position, derzufolge eine realistische Ontologie nur sinnlose Rede von Scheinproblemen darstellt. Der Fehler der realistischen Ontologie besteht in einem Irrtum über Art und Status ihrer Gegenstände, nicht – jedenfalls nicht aus logisch-sprachphilosophischen Gründen – in der Sinnlosigkeit der gesamten Fragestellung. Gleichwohl bleiben zwei grundsätzlich verschiedene Interpretationen des Resultats möglich: Man kann sich auf den reduktionistischen Standpunkt stellen, dass es die Gegenstände der realistischen Ontologie „in Wirklichkeit“ gar nicht gebe, sondern uns nur infolge einer Irreführung durch die Grammatik der natürlichen Sprache vorgespiegelt würden, und deshalb die Rede von ihnen unstatthaft sei. Es lässt sich aber auch die Position vertreten, der Gebrauch der realontologischen Bezeichnungen könne durchaus sinnvoll sein. Irreführend sei in diesem Fall die Sprache nicht bei ihrem Gebrauch, sondern erst bei der Reflexion der betreffenden Ausdrücke, indem sie unzutreffende Modelle nahelege. Nicht die Rede von Universalien oder platonischen Ideen wäre dann bedenklich, sondern erst die realontologische Interpretation dieser Rede, die die Annahme problematischer Gegenstandskonzeptionen nahelegt, der aber grundsätzlich eine unbedenkliche sprachphilosophische Rekonstruktion an die Seite gestellt oder vorgeschaltet werden könnte.

Diesem Standpunkt zufolge schließen sich philosophische Konzepte in den unterschiedlichen Terminologien nicht mehr aus. Die Berechtigung eines Wortgebrauchs bemisst sich an der jeweiligen konkreten Argumentation. Da die Interpretation als realontologisch oder sprachphilosophisch als eigenes Problem behandelt wird, ist eine „Übersetzung“ aus der einen „Sprache“ in die andere prinzipiell möglich, wenn auch nicht für jedes Einzelproblem gesichert, beispielsweise kann eine in ontologischer Rede erfolgende Gliederung des Aufbaus der Welt in einer logisch- grammatischen Terminologie und natürlich auch in den Kategorien einer mentalistischen Philosophie interpretiert werden.

Mentalistische Philosophie

Für die aktuelle Diskussion interessanter werden diese Unterscheidungen, wenn im nächsten Schritt der sprachkritische Philosoph eben die gemeinsame Argumentation gegen die realistische Ontologie nun gegen die mentalistische Position selbst richtet und dieser eine vergleichbare Naivität unterstellt, wenn sie die sprachliche Konstitution der Bewusstseinsgegenstände außer acht lasse. Dieses „Vergessen“ der Sprache ließe sich illustrieren an Descartes, der überkommene Lehren und Argumentationen, Gestalt und Existenz der Außenwelt und der Vorstellung von ihr, die Beschaffenheit des eigenen Körpers, kurzum scheinbar alles Denkbare bezweifelt und doch die bei seinen Überlegungen benutzte Sprache nicht beargwöhnt. Dies bereits ist ein gewichtiges Argument für sprachkritische Philosophie, da es zeigt, dass sie eine gesteigerte Form des cartesischen Zweifels verkörpert, indem sie auch das Medium der Verständigung und der Reflexion in ihre „sinnkritische Skepsis „30/ einbezieht.

Die Differenzen zur mentalistischen Tradition betreffen auch die Kantische Philosophiekonzeption. Diese Diskrepanzen, die die Berührungspunkte der Sprachphilosophie zu empiristischen Traditionen erst verständlich machen, wurden schon früh deutlich, etwa wenn Herder schreibt:

„Der Bau menschlicher Sprache von ihrem Grunde aus vernichtet grundaus das Spielwerk eines gegenstandlosen Verstandes a priori.“31/

Auch diese Überzeugung wurde zu einem Topos sprachphilosophischer Tradition, die hier nur in einem Zitat zu Wort kommen soll, das auch aus systematischen Gründen interessant ist. F.M. Müller glaubte 1884,

„daß es wirklich für die Philosophie die größte Wohltat wäre, wenn alle derartigen Ausdrücke wie Eindruck, Empfindung, Wahrnehmung, Anschauung, Vorstellung, Vergegenwärtigung, Begriff, Idee, Gedanke, Erkenntniß, ferner Sinn, Geist, Gedächtniß, Intellect, Verstand, Vernunft, Seele, Gemüth u.s.w. eine Zeit lang aus unseren philosophischen Wörterbüchern verbannt und nicht eher wieder aufgenommen würden, bis sie eine vollständige Klärung erfahren hätten. “ 32/

Auf den ersten Blick scheint es sich hier allgemein um Bedenken gegen die Ungeklärtheit und Kompliziertheit theoretischer Begriffsbildung und gegen die Abgehobenheit einer Bildungssprache zu handeln, wie sie sich auch in neueren Ansätzen wieder findet. 33/

In diese Richtung geht auch die Argumentation Müllers, die bei ihm ergänzt wird durch die in diesem Zusammenhang übliche Forderung nach Definition von Termini, nach Vereinbarung von Verwendungsregeln für die Begriffe oder doch zumindest die Explizitmachung des eigenen Gebrauchs. Das überrascht nicht, denn die Uneinigkeit der Philosophen in ihrem Sprachgebrauch wird von Reinhold über Gruppe und Schleiermacher bis in die Gegenwart 34/ als Motiv für sprachkritische Bemühungen angegeben. Beim genaueren Hinsehen zeigt sich aber, dass alle aufgeführten Begriffe den Bezeichnungen für „innere Zustände“, den mentalen Termini zuzurechnen sind. Ersichtlich ist es vor allem diese Gruppe von Begriffen, die Müller und auch späterhin der sprachkritischen Philosophie Schwierigkeiten macht. 35/I n der Tat verbindet sich mit der Idee sprachkritischer Philosophie häufig eine nominalistische Position in dem Sinn, dass eine methodologische Priorität der Sprache gegenüber dem Denken behauptet wird. Damit wird nun auch die Nähe zu empiristischen Strömungen verständlicher, die ja meist für nominalistische Positionen mehr Sympathien aufbrachten als für begriffsrealistische oder idealistische. Andererseits lässt sich vermuten, dass vielleicht gerade Argumente des Empirismus und Positivismus ausschlaggebend sind für die Schwierigkeiten, die die sprachkritische Philosophie schon bei Müller mit dem Bereich der Bewusstseinsphänomene oder, auf sprachlicher Ebene ausgedrückt, mit den mentalen Termini hat. Daraus darf nun aber nicht geschlossen werden, die Sprachkritik stelle in jeder Hinsicht einen natürlichen Verbündeten des Empirismus dar. Es ist keine Frage der weltanschaulichen Vorliebe, sondern der philosophischen Redlichkeit,

in einer Situation, in der gewisse Voraussetzungen in der wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Diskussion ihre Selbstverständlichkeit verlieren, dies nicht zu ignorieren, sondern als Tatsache zu konstatieren und in seinen Folgen zu thematisieren.

Insgesamt sind damit drei Entscheidungsebenen auseinanderzuhalten:

  • die methodologische Entscheidung für Sprachkritik, die die Frage der Art einer philosophischen Basisterminologie offen lässt, 
  • dann die Beantwortung eben dieser Frage, die wiederum wegen der prinzipiellen Übersetzbarkeit keine generelle Vorentscheidung über konkrete philosophische Konzeptionen trifft, sondern der Einzelargumentation überlässt, 
  • und schließlich die Entscheidung zwischen den den verschiedenen Richtungen zugrundeliegenden Erkenntnismodellen, durch die allerdings umgekehrt die Präferenz für die Sprache, die als Grundlage dienen soll, bestimmt wird.
  • Hier sieht es nun allerdings so aus, als stünden unversöhnliche – oder auch tolerante, jedenfalls der Argumentation unzugängliche „Weltanschauungen“ gegeneinander. Der sprachkritische Philosoph findet den Realismus naiv, weil dieser als Gegebenheiten in der Welt annnimmt, was sinnvoll doch nur als durch menschliche Sprache konstituiert verstehbar ist.36/ Der Mentalist stimmt zu, dabei „Sprache“ stillschweigend durch „Geist“ ersetzend, gibt aber dem Realisten recht, wenn der die kulturellen Verschiedenheiten sprachlicher Strukturen und die sich daraus ergebenden Probleme für die Annahme allgemeiner ontologischer Strukturen als ephimere Phänomene betrachtet. Allein steht der Realist, wenn er die anderen Positionen mit dem Argument bestreitet, der Struktur der Welt gebühre Priorität gegenüber der von Sprache und Wirklichkeit, weil jene nicht erst durch diese geschaffen werde. Carnap hat diese Situation zum Anlass genommen, diese Art von Problemen als Beispiel für philosophische Scheinprobleme zu wählen.37/
  • Gleichwohl denke ich, dass sich Argumente für den „linguistic turn“ und einen methodologischen Vorrang des sprachlichen Ansatzes in der Philosophie ergeben, wenn man sich bemüht, den Charakter der in Frage stehenden Prioritäten zu bestimmen und am erkenntnistheoretischen Interesse zu bemessen: In vielen Situationen mag es sinnvoll sein, darauf zu verweisen, wie es sich „in Wirklichkeit“ verhält, und damit die Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung zu lenken. Unter erkenntnistheoretischem Interesse betrachtet, ist es aber fraglich, was die Funktion eines Arguments sein könnte, das als Beleg für die Wahrheit einer Aussage einfach auf die Wirklichkeit des dargestellten Sachverhalts verweist. Man muss dehalb nicht eine Realität vor der Sprache in jeder Hinsicht bestreiten. Es genügt, darauf zu verweisen, dass es im angesprochenen Zusammenhang keinen Sinn macht, von einer solchen zu reden. Die Einigkeit über die Gestalt der Wirklichkeit ist eben nicht unabhängig von der Einigung über die Wahrheit des fraglichen Satzes – einschließlich der Angemessenheit seiner Struktur – möglich. Im Fall strittiger Behauptungen läuft diese Selbstbezüglichkeit auf die Feststellung hinaus, dass es den Dissens eigentlich nicht geben dürfe. Eine konsequent realistische Position unterstellt eine gegebene Struktur der Welt, und das heißt in der Regel die eigene ontologische Sicht der Welt als die einzig mögliche. Damit werden inhaltiche Voraussetzungen gemacht, die zu thematisieren gerade Aufgabe der Erkenntnistheorie sein sollte. Dies deshalb, weil die Vergewisserung und damit auch die Infragestellung des eigenen Wissens mit Sicherheit einen Ausgangspunkt erkenntnistheoretischen Interesses bildet. In Selbstanwendung schließt das die Bereitschaft ein, strittige erkenntnistheoretische Voraussetzungen zu problematisieren .
  • Eben diese Argumentation lässt sich aber auch auf die mentalistische Philosophie anwenden, denn auch vom Denken und anderen entsprechenden Bewusstseinsphänomenen gilt, dass sie uns nur durch die Sprache intersubjektiv zugänglich sind. Wir beschäftigen uns mit Sätzen, wenn wir Aussagen über die Struktur der darin wiedergegebenen Gedanken machen wollen, und wir lernen an diesen Sätzen Unterscheidungen, mit deren Hilfe wir später über mentale Gebilde wie Gedanken reden. Freilich sind mit diesen Sätzen nicht nur Lauthüllen oder die berühmten „Tintenhügel auf dem Papier“ gemeint, also nicht nur physische Gegenstände, sondern bedeutungsvolle Einheiten. Aber damit ist nicht zugestanden, dass es vor ihnen unabhängige „Bedeutungen“ begriffsrealistischer oder mentalistischer Art geben müsse. Unter anderen als erkenntnistheoretischen Aspekten können sich andere Prioritäten ergeben: zweifellos werden hinsichtlich der zeitlichen und auch der kausalen Reihenfolge physische Gegenstände nicht durch ihre Erkenntnis produziert, und – schon problematischer – auch im physischen Erkenntnisvorgang, zum Beispiel der optischen Wahrnehmung, kann man von einer zeitlichen Priorität des Objekts gegenüber dem Erkennen sprechen, aber daraus folgt nur, dass diese nicht der epistemologischen Reihenfolge entspricht, die ihrerseits nicht irgendwelche physische oder kausale Verhältnisse darstellt. Die Geläufigkeit des Umgangs mit zeitlichen und kausalen Reihenfolgen und die relative Ungewohntheit der Reflexion methodologischer oder epistemologischer Voraussetzungen mag auch dazu beitragen, dass der Gedanke der diesbezüglichen Priorität der Sprache gegenüber dem Denken zunächst befremdet.
  • Mentalistische Konzeptionen haben mit der Darlegung eines eigenen Charakters epistemologischer Theorien ihre Schwierigkeiten. Probleme ergeben sich in der Abgrenzung vom Psychologismus, der eine zirkelhafte Rückbindung der Erkenntnistheorie an Erfahrungswissenschaft bedeuten würde. Die Nähe zum Psychologismus bringt indirekt eine weitere Schwierigkeit mit sich. Die Psychologie entwickelt seit Ende des letzten Jahrhunderts eine Tendenz, mentalistische Termini physiologisch auszudeuten, was für den philosophischen Gebrauch der Begriffe nicht ohne Folge bleibt. Dort begünstigt diese Interpretation positivistische Anschauungen – zum Leidwesen anderer Richtungen, deren Grundbegriffe auf diese Weise sozusagen in den Sog eines „falschen“ Paradigmas geraten. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass sich besonders der Neukantianismus und die Phänomenologie mit dem Problem dieser Abgrenzung intensiv auseinandergesetzt haben.38/D er sprachphilosophische Ansatz ist hier in einer besseren Position, da es leichter möglich ist, die sprachlogischen Strukturen der erkenntnisbildenden Sätze als eigenen Gegenstand philosophischer Untersuchungen abzugrenzen. Allerdings ist zuzugeben, dass sich stattdessen Berührungspunkte mit sprachwissenschaftlichen und auch sozialwissenschaftlichen Fragestellungen ergeben, die eigene Probleme aufwerfen. Eine zweite Schwierigkeit des Mentalismus ist vergleichbar den Einschränkungen, die ein realistischer Standpunkt hinsichtlich der Verallgemeinerung der eigenen Weitsicht aufweist. Wo das eigene Bewusstsein zum Maßstab der Erkenntnismöglichkeiten gemacht wird, kommt es zu einer solipsistischen Haltung gegenüber möglicherweise abweichenden fremden Bewusstseinsstrukturen. Dieses Problem wird verschärft durch die sich im 19.Jahrhundert durchsetzende Einsicht in die historische und kulturelle Wandlungsfähigkeit des Bewusstseins und generell in die mangelnde Gewissheit einer einheitlichen Gattungsvernunft. Demgegenüber bezieht sich die Sprachphilosophie von vornherein auf einen intersubjektiv zugänglichen Gegenstand, der überdies ein geeignetes Medium darstellt, auch Fragen des Wandels und der Divergenz zu thematisieren.