Jacopo Sannazaro, Im Hirtenland (Arcadia, ca. 1480)

Auf den Höhen des Parthenius, eines stattlichen Bergzugs im Hirtenland Arkadien, liegt eine anmutige Ebene, nicht sehr ausgedehnt, da ihre Lage es nicht zuläßt, aber so voll von zartem, frischem Gras, daß man immer Grünes finden könnte, würden dort nicht mit gierigen Bissen die hungrigen Schäflein Weiden. Dieser Ort wirkt immer wie ein angenehmes Gemach, doch ist der Aufenthalt dort im blütenreichen Frühling noch erfreulicher als zu jeder anderen Jahreszeit. An diesem Platz treffen die Hirten aus den umliegenden Bergen gern zusammen, um sich in verschiedenen schwierigen Wettkämpfen zu messen, den schweren Speer zu werfen, mit Pfeil und Bogen zu schießen, sich in leichten Sprüngen und harten Ringkämpfen voll bäuerlicher List zu üben. Meist jedoch singen sie und spielen im Wechsel die Hirtenflöte, nicht ohne den Sieger zu loben und zu preisen. Eines Tages waren alle Hirten der Umgebung mit ihren Herden dort versammelt, und da jeder sich auf verschiedene Weise zu belustigen suchte, gab es ein herrliches Fest. Nur Ergastus tat nichts und schwieg; er hatte sich und seine Herde vergessen und lag unter einem Baum, als sei er von Stein, während die anderen Hirten ihren Vergnügungen nachgingen.

Lob der Goldenen Zeit

Kaum reichte ich von der Erde aus 

an die ersten Zweige,

 konnte den Esel mit dem Korn zur Mühle führen, 

da rief mein alter Vater, der mich sehr liebte, 

mich oft mit freundlichen Worten zu sich 

in den Schatten der Korkeichen 

und lehrte mich, wie es mit Kindern üblich ist, 

die Herde zu führen, 

die Wolle zu scheren und die Euter zu melken. 

Zuweilen erzählte er auch von den alten Zeiten, 

als die Ochsen sprachen 

und der Himmel mehr Segen brachte. 

Damals war es der höchsten Götter würdig, 

die Schafe zum Weiden in den Wald zu führen, 

und sie sangen dabei, wie wir es heute tun. 

Man sah keinen Menschen einem anderen zürnen, 

die Felder gehörten allen und waren unendlich 

und brachten stets einen Überfluß an Früchten hervor. 

Es gab weder Eisen, mit dem man heute 

menschliches Leben zerstört, noch gab es Unkraut; 

das eine verursacht Krieg, das andere schlechte Ernten. 

Wütenden Irrsinn gab es nicht, 

man hörte nie Streit zwischen den Menschen, 

in dem sich heute die Welt zerfleischt. 

Die Alten, die nicht mehr hinaus 

in die Wälder gingen, erwarteten den Tod ohne Angst 

oder wurden durch Zauberkräuter noch einmal jung. 

Nicht dunkel und kalt, sondern hell und warm 

waren die Tage, und man hörte kein Geheul, 

sondern den Gesang von lieblichen, heiteren Vögeln. 

Die Erde, aus der harte, giftige, 

todbringende Pflanzen sprießen, 

worüber alle weinen und klagen, 

war einst voll von heilenden Kräutern, 

von Balsam und Räucherpflanzen, 

von kostbaren, duftenden Myrrhen. 

Im erquickenden Schatten aßen alle 

Milch und Fleisch, Wacholder und Maulbeeren. 

O herrliche Zeit, o vergnügliches Leben! 

Denk’ ich an diese Zeiten, so ehre ich sie 

nicht nur mit Worten, sondern neige mich 

und bete zu ihnen wie zu Göttinnen. 

Wo ist die Herrlichkeit, wo ist der alte Glanz? 

Wo sind diese Menschen jetzt? Wehe, sie sind Asche, 

und nur noch die Geschichten erzählen davon. 

Fröhliche Verliebte und zärtliche Mädchen 

liefen über die Wiesen und gedachten 

des Feuers und des Bogens von Venus’ Sohn. 

Es gab keine Eifersucht, lustig kreisten 

die süßen Tänze zum Klang der Zither, 

und wie die Tauben küßte man sich. 

O reine Treue, o ihr schönen alten Gebräuche! 

Wie wohl weiß ich, daß die Welt vergänglich ist 

und mit jedem Tag schlechter wird! 

Sooft ich daran denke, mein lieber Freund, 

zerreißt mir das Herz, vergiftet 

von Kummer und unstillbarem Schmerz.