Das sprachphilosophische Modell

Der linguistic turn erweist sich als mehr als eine nur methodologische Wende, auch als mehr als eine Veränderung des Basisvokabulars, in dem philosophische Reflexion vollzogen wird: er verkörpert einen Modellwechsel, zunächst der Erkenntnis, dann aber – wie noch zu zeigen sein wird – auch anderer philosophisch und wissenschaftstheoretisch relevanter Grundüberzeugungen und gerade dies mit all seinen Implikationen scheint mir die eigentliche philosophische, aber nicht auf Philosophie sich beschränkende, Bedeutung der sprachkritischen Philosophie auszumachen. Eben diese Relevanz macht es aber auch verständlich, dass die bisher aufgeführten Argumente nicht jedermann für das sprachkritische Modell gewinnen können, hängen doch vielerlei inhaltliche Überzeugungen nicht nur erkenntnistheoretischer Art an diesem Wechsel. Beseitigen kann die Bedenken nur eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Themenfeldern, die bevorzugt innerhalb eines mentalistischen Paradigmas behandelt wurden. Diese Rekonstruktion muss einesteils die Vorzüge des sprachkritischen Ansatzes nutzen, zum andern aber auch der Sache nach überzeugen, das heißt die berechtigten Interessen an diesen Themen aufnehmen und zufriedenstellend weiterführen. Betrachtet man die Literatur der sprachanalytischen Philosophie und ihr nahestehender Richtungen unter diesem Gesichtspunkt, so wird man feststellen, dass viele Abhandlungen diese Auseinandersetzung mit dem mentalistischen Modell und dem darin unterstellten Dualismus zum Thema haben, dass sie eben nicht, wie häufig angenommen, an der begrifflichen Präzisierung prinzipiell beliebiger Inhalte interessiert sind, sondern erst als Rekonstruktionen mentalistischer Theorien in einem sprachphilosophischen Modell angemessen verstanden werden.39/

ModelIwechsel

Ehe darauf näher eingegangen wird, soll der Charakter des neuen Modells etwas verdeutlicht werden. Dabei geht es mir nicht darum, das faktische Selbstverständnis von Sprachphilosophen in jedem Fall zu treffen, sondern die meines Erachtens für die systematische Diskussion wichtige und hoffentlich auch philosophiegeschichtlich bedeutsame Entwicklungslinie herauszuarbeiten. Die Unterscheidungen auf die sich die sprachkritische Philosophie stützt, sind in Anknüpfung an die Ideen des frühen Wittgenstein und des Wiener Kreises vorläufig als die einer logischen Grammatik bestimmt worden. Unbestreitbar hat die Anknüpfung an die Reputation der modernen Logik, besonders in ihrem Zusammenhang mit Mathematik und Naturwissenschaften, historisch zur Anerkennung der neuen philosophischen Richtung beigetragen. Systematisch muss gleichwohl gefragt werden, welche Gründe sie geeignet machen für eine philosophische Grundlegung. Das hängt wiederum davon ab, welchen Status man den „tiefen inneren Regeln der logischen Syntax“ 40/ zuerkennt. Die Antwort wird in gewissem Umfang durch die sprachphilosophische Diskussion des 20. Jahrhunderts gegeben, deren Entwicklung sich grob durch die Unterscheidung einer formalistischen und einer an der Umgangssprache orientierten Richtung beschreiben lässt. Was die erste angeht, so hat sich gezeigt, dass eine auf die Rückbindung an die natürliche Sprache mit ihren Mängeln verzichtende, konsequent formale Konzeption von Logik, die für andere Interessen ihre Verdienste hat, einhergeht mit einem Grad der Freiheit der Konstruktionsmöglichkeiten, der entweder zu Beliebigkeit oder zu einer Anbindung an Außenvorgaben führt, die die erhoffte Kritik- und Grundlegungsfunktion für philosophische Probleme in Frage stellt. Der Ausweg in der Fundierung im alltäglichen Sprachgebrauch macht, wenn man beispielsweise die Metaphysikkritik Carnaps und Ryles vergleicht, für die Argumentation im Einzelfall keinen so großen Unterschied, wie man denken möchte. In beiden Fällen wird im wesentlichen auf die gleiche Standardsatzstruktur referiert, nur gilt diese im einen Fall durch die Principia Mathematica von Russell und Whitehead und im anderen durch den Sprachgebrauch des „gewöhnlichen Engländers“ als verbürgt.41/ Schwierigkeiten bereitet aber auch hier die Möglichkeit einer kritischen Funktion, die nach diesem Entwurf so aussehen soll, dass die Struktur der alltäglichen Sprache, die demnach ihre Funktion zufriedenstellend erfüllt, als Grundlage benutzt wird. Die Irrtümer der Philosophie entstehen nicht durch Abweichung von dieser Struktur, sondern durch deren Missdeutung, die Anlass zu metaphysischen Spekulationen gibt. Ursache ist oft die von der „wirklichen Struktur“ abweichende und diese verdeckende grammatische Form der natürlichen Sprachen. Auch ohne übertriebene Zweifel an der Leistungsfähigkeit der Alltagssprache zu hegen, sind Bedenken doch angebracht 

im Hinblick auf deren Kapazität für nichtalltägliche Sachverhalte, 

auf ihre fraglose Verlässlichkeit in jedem Fall, 

die Kulturinvarianz der von ihr abgeleiteten Geltungsansprüche, 

auf die Möglichkeit einer befriedigenden Abgrenzung der Sprachebenen 

und, damit verbunden, ihrer möglichen Infiziertheit durch kritikbedürftige Ideologien, Mythologeme etc.42/

Schließlich ist darauf zu verweisen, dass ihre Struktur natürlich nicht offen zutage liegt, sondern durch eine ihrerseits problematische Interpretationsleistung festgestellt wird. Dessen ungeachtet verdient der Grundgedanke festgehalten zu werden, der im üblichen Sinn grammatischen Struktur der Sprache eine Struktur gegenüberzustellen, die die für den Gebrauch relevanten Unterscheidungen und Funktionszusammenhänge beschreibt. Bei gutwilliger Interpretation lässt sich diese Intention allerdings auch schon der frühen an der Logik orientierten Sprachkritik zuschreiben. Wenn Wittgenstein oder Carnap der Vieldeutigkeit des „ist“ in der natürlichen Sprache die jeweils verschiedenen logischen Bedeutungen gegenüberstellen, dann lässt sich das als ein Verweis auf seinen unterschiedlichen Gebrauch im Satz verstehen.43/ Diese pragmatische Sprachkonzeption setzt nicht notwendig eine bestimmte Einzelsprache voraus, aber sie knüpft insofern an die natürliche Sprache an, als sie diese mit ihrer Einbettung in Lebenswelt und Interessenzusammenhänge zum Modell nimmt, damit sich Positionen annähernd, wie sie auch in hermeneutischen Traditionen vertreten wurden. Der Bezugnahme auf den Sprachgebrauch entspricht eine Veränderung hin zu einer Handlungszusammenhänge, sozialen Kontext und Spracherwerb berücksichtigenden Auffassung von Sprache. Besonders die Wittgensteinschen Überlegungen zur Unmöglichkeit einer Privatsprache haben die soziale Basis von Sprache und Erkenntnis zum festen Bestandteil einer pragmatischen Sprachphilosophie gemacht.44/Damit geht eine Erweiterung des Interesses an Sprache einher, das sich ursprünglich auf die erkenntnisbildenden Aussagen beschränkte und nun, beispielsweise in der Sprechakttheorie45/ , zunehmend auch den handlungsorientierenden und emotiven Funktionen der Sprache gilt. Dies führt auch dazu, nun umgekehrt sprachphilosophische Überlegungen auf sozialwissenschaftliche, handlungstheoretische und anthropologische Fragestellungen anzuwenden. Der angesprochene Modellwechsel in der Philosophie besteht mithin nicht nur im Übergang zu einem Modell, das der Sprache einen wesentlichen Platz in der Gewinnung von Erkenntnis und in der Formung unserer Realität einräumt. Er ist darüber hinaus verbunden mit einer Änderung des Modells der Sprache selbst, beziehungsweise muss durch eine solche ergänzt werden, wenn er nicht hinter seinen Ausgangspunkt zurückfallen soll. Beide Entwicklungen sind nämlich nicht unabhängig voneinander zu denken, da auch die Herausbildung des neuen pragmatischen Sprachmodells notwendig wurde eben durch das Fragwürdigwerden realistischer und mentalistischer Bedeutungsmodelle, an deren Stelle es tritt.46/ Insofern Sprachphilosophie die Reflexion dieser semantischen Thematik mit aufnimmt, ist sie auch wieder Philosophie der Sprache im alten Sinn, insofern sie aber erkenntnistheoretische und andere philosophische Probleme auf der Ebene der Sprache reflektiert, ist dieses Sprachmodell nicht nur ihr Gegenstand, sondern ihre Grundlage. Schließlich ist immer mitzubedenken, dass sie, wie andere Wissenschaften auch, auf Sprache als Medium der Untersuchung angewiesen ist. Der Zusammenhang dieser drei Bezüge macht Sprachphilosophie im modernen Sinn aus.Sprache und HandlungBereits am Beispiel des Sprachmodells wird deutlich, dass die zunächst sich eher in methodologische Belange einordnenden sprachphilosophischen Untersuchungen inhaltliche Aspekte aufweisen. Diese ermöglichen es, jetzt eine Brücke zu schlagen zu den Gebieten, die im ersten Kapitel als Hintergrund der Zweckthematik angesprochen wurden. In einem anthropologischen Zusammmenhang betrachtet erscheint der Versuch der Überwindung eines mentalistischen Sprach- oder Erkenntnismodells lediglich als ein Spezialfall der Auseinandersetzung mit einem dualistischen Menschenbild. Als solcher ist er aber grundsätzlich geeignet, ein Muster für eine Lösung dieses Problems abzugeben, die weder die Existenz für sich bestehender mentalistischer Entitäten voraussetzt, noch zu einer Reduktion auf die physische Seite des Dualismus führt.Diese Hoffnung stützt sich darauf, dass wir in der sprachlichen Verständigung ein Paradigma eines nicht nach kausalistischem Muster sich vollziehenden, sondern auf eingeübtem gemeinsamem Gebrauch aufruhendem Erkenntnis- und Orientierungsvermögens besitzen. Nichtkausalistisch heißt hier nicht, dass dieser Bereich außerhalb der Reichweite der Möglichkeit kausaler Erklärung anzusiedeln wäre, sondern lediglich, dass für die Verständigungsleistung keine Notwendigkeit besteht, darauf zu rekurrieren.47/ Die Sprache ermöglicht ferner zwanglos die Auszeichnung einer eingangs angesprochenen methodologischen Sonderstellung des Menschen, wenn man nicht abhebt auf eine objektiv feststellbare Verfügbarkeit von Sprache als Gattungseigenschaft, sondern auf unsere Möglichkeiten, mit anderen Wesen prinzipiell in Kommunikation treten zu können.48/ Auf diese Weise bewahrt die Sprachphilosophie Ansprüche, die innerhalb einer mentalistischen Philosophie unter Rückgriff auf Kategorien wie Geist oder Bewusstsein formuliert wurden, auch in einer Situation, in der diese Kategorien nicht mehr allgemein als unproblematisch akzeptiert werden. In vergleichbarer Weise stellt sich das Verhältnis zur Handlungstheorie dar. Ein wesentlicher Inhalt des neuen Sprachverständnisses besteht in der Einsicht in den Handlungscharakter der Sprache und demzufolge kann man auch hier versuchen, die am Einzelfall gewonnenen Einsichten zu verallgemeinern. Freilich hat dieses Verfahren auch seine Gefahren, weil es dazu führen kann, das genus zu einseitig nach dem Muster einer species zu interpretieren. Gerade grundsätzliche Probleme, wie die Möglichkeit einer nichtdualistischen Interpretation dürften sich aber bei Handlungen in ähnlicher Weise stellen wie bei der Sprache. Über diese Generalisierungsmöglichkeiten hinaus ergibt sich ein Zusammenhang dadurch, dass Handlungswahl und Handlungsverstehen in sprachlichen Vollzügen eingebettet sind- Dies gilt um so mehr, wenn Sprache als Voraussetzung auch „innerer“ Überlegungen und Entschlüsse anerkannt wird. Die Tatsache, dass darüber hinaus Handlungsfähigkeit in der Regel im Zusammenhang mit der Fähigkeit einschlägiger sprachlicher Differenzierungen erworben wird, wurde verschiedentlich zum Anlass genommen, den Handlungsbegriff auch definitorisch an Sprache zu binden.49/ Diese Versuche haben allerdings auch energischen Widerspruch erfahren. So hat sich Bubner gegen eine Sonderrolle der Sprache im Rahmen handlungstheoretischer Untersuchungen gewehrt. Im Anschluss an eine kurze Erläuterung des Zusammenhangs von Zweck und Handlung führt er aus

„Ich sehe nicht, was es gegen ein solches Verfahren methodisch verschlägt, wenn man darauf hinweist, die Untersuchung sei doch im Medium der Sprache vor sich gegangen. In der Tat ist Sprache als Mittel der beabsichtigten Klärung benutzt worden. Es wurde aber nicht über Sprache geredet, sondern über Handlung. Andernfalls hätte sich das Mittel an die Stelle des Themas gedrängt. Sprachlich über Handeln zu reden heißt immer noch über Handeln zu reden.“ 30/

und er plädiert anschließend dafür, Methodenreflexion, die an ihrem Ort ihre Berechtigung habe, von der Sachbehandlung getrennt zu halten. Dieser Kritik ist in dem Punkt recht zu geben, dass tatsächlich aus der methodologischen Unhintergehbarkeit der Sprache nicht folgt, dass sprachbezogene Kategorien die Grundbegriffe von Handlungstheorien, oder von beliebigen anderen Theorien, bilden müssten, von denen diese ihren Ausgang zu nehmen hätten. Zuzugeben ist – vorerst ohne weiteren Beleg – auch, dass gerade gegenüber der Handlungsthematik die Berufung auf die Sprache nicht das letzte Wort sein muss.

Gleichwohl wird von Bubner die Rolle der Sprache unterbestimmt, und zwar vor allem durch deren Beschränkung auf eine methodologische Funktion. Diese fällt schon deshalb zu eng aus, weil nicht erst in den Wissenschaften nachträglich über Handeln geredet wird, sondern dieses selbst in vielfältiger Weise in Eigen- und Fremdinterpretationen verflochten ist, so dass die konstitutive Rolle von Sprache für Handeln nicht von der Hand zu weisen ist. Freilich muss hier unterschieden werden zwischen Sprache als genetischer Voraussetzung, derart dass Handeln ohne sprachliche Leistungen nicht denkbar wäre, und einer epistemologischen Priorität, derzufolge fremdes und eigenes Handeln erst durch Sprache als eine bestimmte Art des Handelns und auch allererst als Handeln interpretierbar werden kann. Denn es ist natürlich nicht ausgemacht, und auch gar nicht wahrscheinlich, dass das Interesse, Handlungen von anderen Ereignissen abzuheben, schon zu dem Zeitpunkt auftaucht, von dem wir nachträglich sagen würden, dass mit ihm Handeln, phylo- oder ontogenetisch, begonnen hat. Diese Deutungsleistung entspricht aber nicht erst einem wissenschaftlichen Unterscheidungsbedürfnis. Sie ist schon Teil jeder Kultur, die Handlungen hervorbringt. Das unterscheidet sie von anderen, beispielsweise naturwissenschaftlichen, Begriffsbildungen, die diese Analogie von methodologischer und Gegenstandsstruktur nicht aufweisen.

Vergegenwärtigt man sich ferner, dass die Abgrenzung von Handlung und Verhalten in der Neuzeit, und erst da war sie von Interesse, durch den Rückgriff auf mentalistische Kategorien geleistet wurde, und will man diese nicht mehr einfach als unproblematisch voraussetzen, so ergibt sich die Frage nach der Möglichkeit einer Fortführung ihrer Leistungen. Gerade für eine Aufgabe wie die Rekonstruktion der Bewusstheit von Handlungen ist es schwer vorstellbar, wie auf sprachbezogene Begriffe ganz verzichtet werden kann. Zu bedenken ist auch, dass der Rückgriff auf Sprache auch dort sinnvoll sein kann, wo diese nicht im strengen Sinn Voraussetzung des Handelns darstellt, sondern dadurch modellbildend für eine Handlungstheorie wirkt, dass an ihr gewisse Qualitäten von Handlung, beispielsweise Art und Tatsache der Einbettung in soziale Zusammenhänge, in Lernprozesse und historische Umdeutungen eher ins Auge fallen. Eben diese Fragen stellen sich auch in Bezug auf die Begriffe, die als konstitutiv für „Handlung“ angenommen werden sollen, speziell auch für den Zweckbegriff, dem Bubner in Rückgriff auf aristotelische Theorien diese Rolle zuerkennt. Für diesen ergibt sich damit die Aufgabe seiner nichtrealistischen und nichtmentalistischen Bestimmung – und damit ist auch das Thema der vorliegenden Arbeit etwas näher bestimmt.

Gesellschaft als Apriori

Wechselbezüglich wie das Verhältnis von Sprache und Handlung stellt sich auch die durch Sprache vermittelte Beziehung zwischen Erkenntnisstrukturen und sozialen Zusammenhängen dar. Wo sich eine sprachphilosophische Analyse gesellschaftstheoretischen Themen zuwendet, richtet sie ihr Augenmerk naheliegenderweise vor allem auf die sprachliche, und auch auf die in einem weiteren Sinn symbolische, Konstitution sozialen Zusammenhangs. Das zeigt sich zum einen im Aufweisen der Bedeutung von Sprache für einzelne soziale Phänomene, zum andern in dem grundsätzlicheren Versuch, soziale Gefüge insgesamt durch ihre sprachliche Verfasstheit zu charakterisieren und sie so beispielsweise abzugrenzen von bestimmten Systemen vernetzter Individuen. Winch behauptet demnach nicht zuviel, wenn er Sprachphilosophie nicht nur als methodologische Disziplin, sondern auch als eine inhaltliche Grundlegung einer Sozialtheorie betrachtet.51/Insofern Sprache hier zwar nicht als das alleinige, aber doch als das zentrale Mittel der Vergesellschaftung angesehen wird, ist es allerdings nicht unrichtig, darin auch ein Erbe idealistischer Vorstellungen zu sehen.52/

Als die Kehrseite dieser sprachlichen Bedingtheit von Sozialität erweist sich innerhalb eines sprachphilosophischen Konzepts die soziale Konstitution bereits der sprachlich geprägten Erkenntnisformen. Hier bahnt sich iein tieferes Verständnis des Zusammenhangs von erkenntnistheoretischen und sozialen Phänomenen an als es vorher formulierbar war. Die Sprache ist ein Medium philosophischer Reflexion , dessen sozialer Charakter offenkundig ist, sobald sie nicht mehr als bloßes Abbild der Welt oder als Ausdruck des Bewusstseins aufgefasst wird.

Bei der Einschätzung dieses Schritts sollten zwei Missverständnisse vermieden werden. Zum einen dürfen nicht die Gegensätze überkommener philosophischer Debatten übernommen werden, die eine der natürlichen Determiniertheit parallel gesetzte gesellschaftliche Bestimmtheit der Freiheit der Vernunft gegenüberstellten. Im sprachphilosophischen Modell wird gerade die soziale Verfasstheit zum Träger symbolischer Leistungen und damit auch zur potentiellen „Quelle“ von Vernunft. Auch bedeutet das Einbeziehen sozialer Voraussetzungen keine Interessenverlagerung vom Individuum auf die Gesellschaft, denn auf dem Hintergrund sprachlicher Bedingtheit erscheint auch Subjektivität in einem neuen Licht. Der Spracherwerb führt nämlich nicht nur zur Verständigung durch Gemeinsamkeit, sondern auch zu individueller Abschattung und Veränderung der sozial angeeigneten symbolischen Strukturen.

Philosophiegeschichtlich erscheint diese „Soziologisierung“ der Philosophie als eine Fortführung und Erweiterung ihrer Historisierung im 19. Jahrhundert und damit als Teil der Gegenbewegung zur fundamentalistischen, überhistorische Prinzipien zugrundelegenden idealistischen Philosophie. In mancher Hinsicht ist das sicher richtig, aber auch hier sind einige Differenzierungen notwendig. Zunächst ist auf die vielleicht überraschende Tatsache aufmerksam zu machen,53/ dass auch diese Entwicklung in entscheidender Weise durch Kants transzendentale Wende vorbereitet wurde und dass ihre grundlegendsten und radikalsten Folgerungen dort gezogen wurden, wo, wie in den angeführten sprachphilosophisehen Beispielen, dieser erkenntnistheoretische Bezugspunkt weiterhin im Blick blieb. Erst die Abkehr vom Gedanken einer einfach vorgegebenen Welt und die Aufmerksamkeit auf die vom erkennenden Subjekt zu erbringenden Leistungen eröffnen, wenn auch vielleicht nicht gewünscht, die Einsicht in die mögliche grundsätzliche Differenz verschiedener Weltsichten und stellen einen Zusammenhang her zwischen kulturellen Voraussetzungen der Erkenntnisbildung und erkennbarer Gestalt der Welt, wie er in einer Abbildtheorie der Erkenntnis nicht vorstellbar gewesen wäre. Die Abhängigkeit der Welt von den Strukturen der Anschauung und des Verstandes des transzendentalen Subjekts macht ihre Abhängigkeit von den Bedingungen des konkreten Subjekts erst denkbar. Freilich wird damit die Zielsetzung einer allgemeingültigen Vergewisserung der Erkenntnis durch historische und andere kulturelle Relativierungen in Frage gestellt. Aber diese Erschwernis muss nicht sogleich ein Aufgeben dieser Zielsetzung bedeuten. Gerade das Festhalten am Leitinteresse der Vergewisserung von Erkenntnis ist ein Grund dafür, dass die Einbeziehung sozialer Voraussetzungen nicht mit einer Überführung der Philosophie in Sozialtheorie gleichgesetzt werden kann.54/

Kontinuität und Veränderung treten besonders deutlich hervor am Beispiel der apriorischen Wahrheiten. In Kantischer Tradtion wurden ihnen neben den analytischen zum Beispiel artihmetische und geometrische Sätzen als synthetische und gleichwohl apriorische Aussagen zugerechnet. Eür eine realistische Sicht ergeben sich analytische Sätze aus substantiellen Eigenheiten konkreter oder idealer Gegenstände. Eine mentalistische Erkenntnistheorie führt die Wahrheit analytischer Aussagen auf Prädikate zurück, die im logischen Subjekt immer schon „mitgedacht“ sind. Eine sprachphilosophische Position schließlich sieht sie im vereinbarten oder anerkannten Sprachgebrauch begründet, bezieht so ihre interpersonale Konstitution mit ein, betont den konventionellen Charakter der jeweiligen Wortverwendung und auch den der Grenze zwischen empirischen und analytischen Feststellungen, da dieser ja davon abhängt, was als zur Begriffsbestimmung gehörig betrachtet werden soll. Grundsätzlich aber behalten die analytischen Aussagen ihren Sonderstatus.

Neben den sich aus der Wortverwendung ergebenden analytischen Sätzen stehen die im engeren Sinn logischen. Als Beispiel für eine sprachlich-pragmatische Grundlegung kann hier auf das Konzept einer Dialogischen Logik verwiesen werden, wie sie innerhalb der konstruktivistischen Wissenschaftstheorie entwickelt wurde.55/ In ihr bilden Argumentationssituationen die Basis für die Entwicklung logischer Regeln, die sich grundsätzlich in allgemeine Regulierungen der Argumentationssituation und in eine spezifische Art semantischer Regeln für logische Operatoren einteilen lassen. Obwohl auf Denkgesetze als Begründung kein Bezug genommen wird und der Ansatz in jeder Hinsicht dem sprachphilosophischen Modell folgt, wird hier noch deutlicher als im ersten Beispiel, dass damit kein Abgehen vom apriorischen Charakter der Logik verbunden sein muss und dass die Logik weiterhin als eine Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft und Erkenntnis betrachtet wird.

Die Apriorität der Geometrie, die abschließend als weiteres, besonders instruktives Beispiel angeführt werden soll, ist aufgrund ihres synthetischen Charakters häufig umstritten gewesen. Auf diese Kontroverse kann hier nicht eingegangen werden. Es soll lediglich gezeigt werden, wie der Versuch einer apriorischen Begründung der Geometrie unter den Bedingungen eines pragmatisch-sprachphilosophischen Modells aussehen kann, wobei wiederum auf die konstruktive Wissenschaftstheorie Bezug genommen wird. Im „realistischen“ Modell befasst sich eine apriorische Geometrie mit Aussagen über ideale Gegenstände, die für konkrete Gegenstände immer nur näherungsweise gelten, während sie in einer mentalistischen Terminologie „Formen der Anschauung“ zum Gegenstand hat. Beiden Konzepten ist gemeinsam, dass der Ursprung dieses Wissens, obwohl seine Notwendigkeit bündig dargetan wird, einigermaßen im Dunkel bleibt.56/Eine transzendentalphilosophische Erkenntnistheorie bringt aber auch schon in mentalistischer Terminologie den Fortschritt zum Ausdruck, dass die geometrischen Beziehungen nicht von den Dingen abgelesen, sondern an sie herangetragen werden – und dass nur so eine Erkenntnis räumlicher Verhältnisse möglich wird.

Der konstruktivistische Ansatz57 /unternimmt nun den zunächst eigenartig erscheinenden Versuch einer Begründung der euklidischen Geometrie auf der Basis einer Theorie der Herstellung von Flächen, Kanten, Ecken etc. Diese Produktion lässt sich verstehen als die Minimierung von Abweichungen gegenüber einem angestrebten Zustand, der technisch nicht erreichbar ist. Die geometrischen Sätze ergeben sich der Form nach als Sätze über diese nur als Zielpunkte einer Ideation anzusehenden Zustände, deren Funktion aber in einer Regelung technischer Praxis liegt. Dieses Unternehmen liefert, wenn man es als gelungen betrachtet, eine für Geometrie und Philosophie bedeutsame Rekonstruktion sowohl einer Rede von idealen Gegenständen, also eines ontologischen Themas, wie auch der These vom, hier auf die Normativität der Produktionsregeln zurückgeführten, nichtempirischen Charakter der euklidischen Geometrie auf einer gegenüber den rekonstruierten Theorien weniger voraussetzugsvollen Grundlage.

Der Ansatz wird darüber hinaus bedeutsam durch die Behauptung, dass die euklidische Geometrie und die sie begründenden Verfahrensweisen auch die notwendige Bedingung der als naturwissenschaftliche Erkenntnismittel eingesetzten Messgeräte und damit indirekt der naturwissenschaftlichen Erkenntnis selbst darstellen. Er vertritt damit die angesichts der Entdeckung der Riemannschen Geometrien weithin aufgegebenen Kantischen Ansprüche auf eine in ihrer Apriorität begründeten, nicht aus innerwissenschaftlicher empirischer Bewährung sich ergebenden Sonderstellung der euklidischen Geometrie. Schließlich wird an diesem Beispiel auch besonders deutlich, dass eine pragmatisch-sprachphilosophische Grundlegung der Philosophie und der Wissenschaften sich durchaus nicht nur im Bereich des Redens bewegt, sondern dass die Sprache stets in, in diesem Fall technisch-produktive, Handlungs- und Situationszusammenhänge eingebettet ist.

Die apriorischen Sätze ergeben sich, vergleichbar der schon erörterten Rolle der Sprache im Erkenntnisprozess, als innerhalb der empirischen Forschung nicht mehr thematisierte und in der Regel als solche auch gar nicht bewusste Voraussetzungen, die als notwendige Bedingungen empirischen Wissens diesem gegenüber eine Sonderstellung einnehmen. Diese ins Bewusstsein zu heben, stellt eine gemeinsame Intention transzendentaler und sprachkritischer Philosophie dar. Aber die Voraussetzungen werden hier in einer weniger geheimnisvollen Sphäre angesiedelt als dies innerhalb einer mentalistischen Transzendentalphilosophie der Fall ist. Sie bestehen in individuell meist früh erworbenen kulturellen, zum Beispiel sprachlichen oder operativen Fähigkeiten, die uns so selbstverständlich geworden sind, dass sie ohne eigene Reflexion in der Regel weder expliziert noch ihre Ursprünge angegeben werden können. Apriorische Sätze stellen sich demzufolge dar als Explikationen kultureller Leistungen, die für Erkenntnis konstitutiv sind, die aber nicht in einem Bereich jenseits menschlichen Handelns und damit auch nicht außerhalb von Gesellschaft und Geschichte lokalisiert sind. Die darin deutlich werdende Nähe zum genetischen Denken, und zwar sowohl auf individual- wie auf gattungsgeschichtlicher Ebene, ergibt in diesem Punkt eine gewisse Verwandtschaft zu Tendenzen der evolutionären Erkenntnistheorie, von der sich der konstruktive Ansatz andererseits deutlich unterscheidet durch die methodologisch begründete Ablehnung einer Erkenntnistheorie auf der Basis von Einzelwissenschaften, besonders von dem Versuch, sie als naturwissenschaftliche Disziplin zu begreifen.58/