Brücken und Fundamente

Ein Dilemma wird freilich am pragmatisch-sprachphilosophischen Modell deutlicher als an den anderen Modellen: Diesoziale Fundierung lässt die Vielfalt der kulturellen Ausprägungen von Sprache als kulturspezifische Relativität auf die Erkenntnis durchschlagen. Nun haben die angeführten Beispiele aus dem Bereich von Logik und Geometrie aber auch gezeigt, dass ein Übergang zu einem pragmatisch-sprachphilosophischen Modell der Intention nach nicht mit einem Verzicht auf die Grundlegung von Geltungsansprüchen in Wissenschaft und in anderen Bereichen verbunden sein muss, und es ist auch keineswegs denknotwendig, dass eine derartige Begründung kulturrelativ ausfallen muss. Kulturinvariante Wissensmuster könnten sich auch dann noch ergeben, wenn die Theorie der Erkenntnis in sozial-kulturelle Zusammenhänge eingebettet ist. Anders als in den Formal- und Naturwissenschaften gilt diese Möglichkeit heute in den Geistes- und Sozialwissenschaften allerdings weitgehend als obskur. Das muss schon deshalb zu denken geben, weil diese „Kulturwissenschaften“59/ ihren Gegenstand doch am besten kennen sollten.

Für den Versuch einer Fundierung von Wissenschaft wäre der gänzliche Verzicht auf universelle Geltungsansprüche allerdings eine fatale Einsicht, und die Gelassenheit, mit der er teilweise geleistet wird, lässt es als zweifelhaft erscheinen, dass die Folgen für die eigenen Geltungsansprüche immer konsequent mitbedacht werden. In dieser Situation hilft es wenig, die Existenz einiger universaler Voraussetzungen dogmatisch festzusetzen – weil nicht sein könne, was nicht sein dürfe. Die fortschreitende Kenntnis von Kulturen – die jeweiligen sprachlichen Strukturen sind hierfür ein gutes Beispiel – hat immer wieder nur bestätigt, wie wenig selbstverständlich scheinbar universell Gültiges ist. Eine bestimmte Art von Gewissheit ist mit dem Übergang zu einem sprachphilosophischen Modell unwiderruflich dahin.

Sicher ist die Aufgabe der Vermittlung zwischen Kulturen nur in Sonderfällen von der Philosophie zu übernehmen. Wenn man aber in Betracht zieht, dass die Sprachphilosophie sich eben die Reflexion grundlegender sprachlicher Strukturen zur Aufgabe gemacht hat, dass gerade darin eine Fortführung des Nachdenkens über klassische philosophische Probleme gesehen werden konnte, dass schließlich die Thematisierung der angeführten philosophischen Modelle selbst als Beispiel einer derartigen Besinnung auf sprachliche Voraussetzungen gelten kann, so scheint das Bild eines Dolmetschers oder eines lehrenden Sprachvermittlers zwischen verschiedenen Kulturen durchaus geeignet als Bestimmung der möglichen praktischen Relevanz philosophischer Problemerörterung. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass philosophische Reflexion häufig durch die Berührung mit fremden Kulturen und deren andersartigen Geltungsansprüchen in Gang gesetzt wurde. Speziell die Sprachphilosophie knüpfte verschiedentlich an die Völkerpsychologie an und wurde teilweise von deren Interessen geleitet.60/

Bei Kulturen sollte man in diesem Zusammenhang nicht nur an fremde Völker denken, sondern beispielsweise auch an rivalisierende Kulturen in den Wissenschaften,6l/ an deren Verhältnis zu anderen Lebensbereichen, ferner an deren gegenseitige Beziehung und die möglicherweise von Individuum zu Individuum variierende Weise, in der aus ihnen unterschiedliche persönliche Lebenskonzeptionen gebildet werden. Hier ergeben sich heute, im Unterschied zu der Annäherung geographisch entfernter Kulturen, aufgrund zunehmender Differenzierung und Eigenständigkeit vielfältige Aufgaben der Vermittlung. Die Dolmetschermetaphorik macht allerdings auch deutlich, dass dabei immer die Gefahr besteht, sich einseitig in den Dienst missionarischen Eifers oder geschäftstüchtigen Kolonialismus einer Kultur zu stellen. Diesem Verdacht wird sich der Philosoph wie der Dolmetscher auch dann nicht leicht entziehen können, wenn er sich um die Rolle eines ehrlichen Maklers bemüht, denn die Position eines interesselosen Interpreten oder Berichterstatters ist dort schwer vorstellbar, wo faktisch divergierende Interessen und Geltungsansprüche aufeinandertreffen.

Das Bild wird – wie die Wirklichkeit – noch etwas komplizierter, wenn man bedenkt, dass nicht unabhängige und in sich geschlossene Kulturen miteinander zu vermitteln sind, sondern dass diese sich in vielfältiger Weise untereinander beeinflusst haben, dass Übertragungen nicht nur von Begriffen, sondern von sprachlichen Kategorien und Strukturen, gleichsam syntaktischen Metaphern, stattgefunden haben. Die Komplizierung ergibt sich weniger aus der nun höher zu veranschlagenden Komplexität der fremden Kulturen als aus der Tatsache, dass diese Veränderung des Bildes nahelegt, es finde sich auch in der eigenen Kultur Unverstandenes und Undurchschautes, das als Voraussetzung erst entdeckt und in seiner Angemessenheit hinsichtlich gegenwärtiger Bedürfnisse beurteilt werden muss. Auch in dieser Erweiterung der Metapher versinnbildlichen sich Charakteristika philosophischen Vorgehens. 

„Denn eine irrige Deutung eines sozialen Tätigkeitsbereichs ist dem Typus von Fehlern, mit welchem die Philosophie es zu tun hat, nahe verwandt. Wittgenstein sagt irgendwo, wenn wir hinsichtlich des Gebrauchs bestimmter Begriffe unserer Sprache in philosophische Schwierigkeiten gerieten, seien wir wie Wilde, denen etwas einer fremden Kultur Angehöriges engegentritt.“ 62/

Gerade die Einsicht in die Verschiedenheit der in die Erkenntnis eingehenden kulturellen Vorausssetzungen führt dazu, dass , anders als bei einer mentalistischen Erkenntnistheorie, aus der erkenntnistheoretischen Reflexion sich nun eine praktische Aufgabe ergibt, nämlich die der Überwindung dieser Verschiedenheiten63/ durch den Nachvollzug des Spracherwerbs der jeweils anderen Kultur in der Absicht, Geltungsansprüche weiterhin universell thematisieren zu können. Die sprachphilosophische Reflexion, von der eingangs gesagt wurde, dass sie sich nicht in Begriffsklärung erschöpfe, erweist sich für diese doch als wichtig, weil sie deren Bedeutung erst klarmacht. Denn nicht nur in der Philosophie, sondern vielleicht noch mehr in anderen Bereichen wird die Tatsache der sprachlichen Konstitution von Erkenntnis und der damit in diese eingehenden Kulturleistungen aufgrund der Selbstverständlichkeit, mit der wir uns in unserer Sprachwelt bewegen, übersehen. Umgekehrt hat sich auch die Gültigkeit des sprachphilosophischen Modells an seiner Nachvollziehbarkeit zu erweisen.

In einer derartigen Situation überhaupt Vermittlung anstreben zu wollen, scheint die Annahme zumindest einiger universeller Verständigungsstrukturen vorauszusetzen. Stattdessen möchte ich dafür plädieren, zwar universelle Geltungsansprüche zu stellen, dies aber in pointierter Abgrenzung von der Behauptung einer Universalität vorfindlicher Strukturen. Man kann das Erheben von Geltungsansprüchen selbst dann für sinnvoll halten, wenn man der (selbstwidersprüchlichen) Überzeugung sein sollte, dass im Laufe der Zeit ausnahmslos alle faktisch und inhaltlich scheitern werden. Wie ja aus jeder Einsicht in Geschichtlichkeit nicht folgt, dass es sinnvoll oder ohne Selbsttäuschung auch nur möglich sei, sich außerhalb der eigenen geschichtlichen Situation zu stellen. Nicht der Verzicht auf Geltungsansprüche, sondern die ständige Bereitschaft zu ihrer Revision scheint mir die angemessene Konsequenz aus dieser Einsicht zu sein. Diese ist aber eine praktische Tugend, die erfahrungsgemäß nicht immer der geäußerten theoretischen Überzeugung hinsichtlich der Möglichkeit von Universalisierbarkeit und Fallibilität entspricht.

Auch moralische Gründe sind gegen Universalitätsansprüche vorgebracht worden. Stichworte wie Ethnozentrismus, Kulturimperialismus mögen dafür als Andeutung genügen. Diese Gefahren wiegen schwer, aber auch unter kulturvergleichenden Gesichtspunkten scheint es zweifelhaft, ob eine Position, die prinzipiell unüberbrückbare Verständigungshindernisse zwischen Kulturen unterstellt, nicht ihrerseits erheblichere moralische Probleme aufwirft.64/ Behauptungen oder Normen hinsichtlich ihrer Geltungsansprüche nicht universell zu formulieren – was nicht mit der in der Regel sinnvollen Einschränkung ihres Geltungsbereichs durch die Angabe von Bedingungen zu verwechseln ist – , würde letztlich nur zum willkürlichen Ausschluss von Kulturen oder Personengruppen als potentiellen Rechtfertigungsinstanzen führen. Ein derartiges Vorgehen verbietet sich nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen. Es ist schwer vorstellbar, wie ein Wissen für uns gut sein sollte, ja in welchem Sinn es überhaupt Wissen darstellen könnte, wenn es für andere in seiner Gültigkeit eingeschränkt wäre.

Für einen Standpunkt, der einerseits Geltungsansprüche und damit das Bemühen um ihre Verallgemeinerbarkeit bejaht, andererseits universell vorfindliche Strukturen, auf die sich diese Verallgerneinerbarkeit stützen könnte, nicht voraussetzen möchte, bleibt als grundsätzliche Möglichkeit nur, in die Forderung der Nachvollziehbarkeit der Geltungsansprüche auch die der sprachlichen und sonstigen Mittel ihrer Artikulation einzubeziehen. Die Hoffnung darauf stützt sich auf den schon angesprochenen, der Sprache ohnedies anhaftenden genetischen Aspekt. Die Tatsache, dass Sprache ohnedies stets individuell erworben werden muss, ermöglicht prinzipiell die Nachahmung dieses Erwerbs.65/Freilich ergeben sich dabei nicht nur praktische, vollständigen Nachvollzug schon aus Zeitgründen illusorisch machende Schwierigkeiten, sondern auch prinzipielle:Der Zweitspracherwerb, der meist auch einen Zweitkulturerwerb darstellen muss, unterscheidet sich dadurch vom ersten, dass dessen Muster und Modelle nun immer schon zur Interpretation zur Verfügung stehen und deshalb nicht ausgeschlossen werden kann, dass etwas anderes gelernt wird als dies beim Ersterwerber der Fall ist. Dies gilt nicht nur für einzelne Begriffe, sondern auch für die grundlegenden Sprachstrukturen, denen dann auch die jeweiligen kultureigenen ontologischen und mentalen Strukturen entsprechen.66/

Dabei ist wieder an die bereits angesprochene Einsicht zu erinnern, dass wir in diese Perspektive der Fremdheit auch gegenüber unseren eigenen Begriffen kommen können. Diese Begriffsverwirrung – vor allem im Sinn einer Verwirrung über die Begriffe – ergibt sich aus den vielfältigen Übertragungen begrifflicher und struktureller Muster zwischen Sprachbereichen, deren Vorhandensein und Genese in individueller und historischer Entwicklung uns in der Regel auch dort nicht bewusst ist, wo wir die Sprache in ihren „alltäglichen“ Zusammenhängen hinlänglich beherrschen. Wird aber Rolle und Berechtigung sprachlicher Modelle thematisiert, ergibt sich die Schwierigkeit, dass gerade die Vertrautheit des Sprachumgangs uns die Ursprünge und Voraussetzungen unserer Sprachmuster verbirgt oder uns über deren Charakter täuscht.

„Denn die Sprache … hat selbst hinter sich alle Übergänge vernichtet und die Spur ihres Wegs unkenntlich gemacht:sie selbst hat die Leiter fortgenommen, nachdem wir oben sind.“

Das Heilmittel ist naheliegend, und Gruppe kommt auch bereits im nächsten Satz darauf zu sprechen: 

„Wenn nun die Philosophen nicht durch gründliches Sprachstudium diese Übergänge, diese hohe Leiter, zu ersetzen wissen, wovon allein der Sinn und die Bedeutung nicht einzelner Wörter sondern der ganzen Sprache und ihres Gebrauchs abhängt – was folgt – Dass sie den Hals brechen.“67/

Auch wenn mit der Leitermetapher das Ideal methodischen, schrittweise vorgehenden Philosophierens angesprochen wird, so verweist das Zitat doch auch auf einen Punkt, der im Rahmen methodischer Philosophie oft zu wenig beachtet wird: dass wir nämlich oben und nicht unten auf der Leiter stehen, dass der Ausgangspunkt einer Rekonstruktion mithin nicht gegeben ist, sondern gesucht und begründet werden muss. Freilich ist es richtig, dass dieser in der gemeinsam geteilten Lebenswelt zu finden sein wird. Aber der einfache Verweis auf sie reicht als Anfang nicht aus, weil immer wieder neu zu bestimmen ist, worin sie besteht. Gerade die großen philosophischen Umbrüche, wie die methodologische Skepsis Descartes, die transzendentale Wende der kritischen Philosophie und auch der linguistic turn, stellen wesentliche – und überraschende – Veränderungen des Verständnisses der gemeinsamen Lebenswelt dar.

Eben deshalb hebt das von Kant geschätzte Bild der Kopernikanischen Wende, ebenso wie Wittgensteins Gleichnis von der Sprache als Brille, die man nicht bemerkt, weil man alles durch sie betrachtet, das Unerwartete der philosophischen Erkenntnis hervor, den Umsturz des vorher Selbstverständlichen. Dass diese Umbrüche nicht nur als theoretische, sondern als die eigene Lebenspraxis und das Lebensgefühl betreffende empfunden wurden, wird sehr deutlich bei Nietzsches und Mauthners Verarbeitung der sprachkritischen Infragestellung eines realistischen Erkenntnis- und Wahrheitskonzepts.68/ Wenn im Nachhinein das Neue als das Selbstverständliche erscheint – und auch erscheinen muss, weil es sich nur so durchsetzen kann,.— erlaubt das nicht den Schluss, es entspreche der von vornherein naheliegenden Weitsicht. Es ist viel naheliegender, Kategorien in der Außenwelt anzusiedeln als im Bewusstsein oder in der Sprache. Diese als notwendige Voraussetzung von Erkenntnis zu begreifen und gerade dadurch die Selbstverständlichkeit der jeweiligen Form und der dadurch ermöglichten Erfahrung in Frage stellen zu können, und damit wiederum die Chance der Vermittlung mit anderen Formen in den Blick zu bekommen, das ist keine natürliche Einstellung, die nur gegenüber metaphysischen Irreführungen wiederhergestellt werden müsste.

Methodische Philosophie begreift sich häufig als Grundlegung der Wissenschaften in der Weise, dass sie die ersten Stufen für deren Aufbau legt. Dieses Bild ist nicht falsch, aber es verkürzt die Rolle philosophischer Reflexion. Es macht nicht plausibel, wieso sowohl in epochaler wie in individueller Perspektive wichtige philosophische Einsichten weniger als Fortschritt denn als Problematisieren bereits gemachter Schritte erscheinen, wieso ferner philosophische Reflexion von den Wissenschaften häufig und mit Recht eher als Belästigung denn als Beförderung auf dem eingeschlagenen Weg empfunden wird, und es macht schließlich auch nur bedingt verständlich, worin ihre Eigenart gegenüber dem wissenschaftlichen Vorgehen in seinem normalen Verlauf liegt.

Um dies zu korrigieren, ist es nicht nötig, das Bild von der fundamentalen Rolle der Philosophie aufzugeben, man muss es lediglich genauer fassen. Fundierungsarbeiten darf man sich nicht als das Gießen von Betonblöcken vorstellen. Sie stellen im wesentlichen Ausschachtungsarbeiten dar, die Suche nach einem Anfang oder Untergrund, beständig genug, die Theoriegebäude zu tragen, die auf ihm errichtet werden sollen. Sie bestehen mithin im Wegräumen von Grundlagen, die sich nicht als hinreichend tragfähig erweisen. Gerade in diesem destruktiven Geschäft, das ja gleichwohl einen Beitrag zum Aufbau der Theoriegebäude leistet, bestehen, teilweise entgegen dem Selbst Verständnis, wesentliche philosophische Leistungen auch dort, wo die Betonung auf den aufbauenden, konstruktiven Charakter der Philosophie gelegt wird. Das Zusammenspiel methodisch-fortschreitender und eher skeptischer Momente erklärt sich daraus, dass die Güte von Fundierungsarbeiten, im Unterschied zu der anderer Grabungen, sich an der Möglichkeit bemisst, auf sie bauen zu können, und sie deshalb immer schon im Hinblick auf mögliche Konstruktionen ausgeführt werden müssen. Der Aushub wird schon von der gedanklichen Ordnung des Aufbaus geleitet. Deren Beschreibung kann daher eine geeignete Form der Darstellung und des Erweises philosophischer Einsichten sein, die allenfalls den Nachteil hat, nicht genügend zu betonen, dass der philosophische Fortschritt gleichwohl in der Tieferlegung der Fundamente besteht.

Die so gewendete Fundamentmetapher macht auch deutlich, wieso die Ergebnisse der Philosophie, als solche betrachtet, stets als dürftig oder trivial erscheinen müssen: Die Leistung besteht im Wegräumen; und der Verweis auf den freigelegten Boden vermittelt einen irreführenden Eindruck, wenn man diesen in der gleichen Weise als Resultat ansieht wie die Gebäude der Wissenschaft. Damit erscheinen schließlich auch Traditionsverhältnisse in einem anderen Licht: Wenn wir die Grundlagen der Theorie eines Philosophen in Frage stellen, reißen wir nicht dessen Denkgebäude ein. Wir wenden uns nicht gegen ihn, sondern setzen seine Arbeit fort.