Arkadien lebt

Aktuell gerade in Hersbruck

Als literarische Gattung ist die Hirtendichtung Vergangenheit, aber ihre Idee lebt. Sie ist nach meinem Eindruck im Moment sogar ziemlich lebendig, was sich auch an zunehmenden Veröffentlichungen zu dem Thema zeigt.

Ich will mit dem Punkt anfangen, weswegen ich mich besonders freue, hier in Hersbruck etwas zu diesem Thema erzählen zu dürfen. Vielleicht ist es jemandem auch schon in den Sinn gekommen. Wenn ich eine gegenwärtige Formulierung für arkadisches Leben nennen sollte, fiele mir „Slow Living“ ein oder vielleicht auch Slow Life. Das ist mehr als ein Scherz. Ich denke völlig ernsthaft, dass in dieser Idee arkadische Ideale fortgeführt werden, und dass sie auch nur voll verstanden wird, wenn man sich diese Tradition bewusst macht. Ich würde mir wünschen, dass in Hersbruck, wo im Hirtenmuseum der Hirtentradition gedacht wird und im Hutangerprojekt auch an ihre Bewahrung, dass in ihr als Citta Slow auch die arkadische Tradition wieder ins Bewusstsein rückt. Und ich denke darüber hinaus, dass dies in unserer Zeit besonders notwendig ist. Das zeigt sich an vielen Stellen.

Heute zum Beispiel habe ich eine Einladung zu einem Gespräch über das Buch „Ästhetischer Kapitalismus“ von Gernot Böhme, einem Philosophen erhalten. Da geht es darum, dass statt Bedürfnissen immer mehr „Begehrnisse“ geschaffen werden wie

Ausstattung des Lebens; gesehen und gehört werden; Ruhm;

alles „Bedürfnisse“ die nie endgültig erfüllt werden können, sondern immer steigerungsfähig sind und Wachstum erzeugen.

Um die Souveränität über unser Leben zurückzugewinnen, bedarf es der

„Gelassenheit“, Genügsamkeit und „Achtsamkeit“

Die Nähe zu den arkadischen Idealen ist offensichtlich. Der Verzicht auf Ruhm z.B. zugunsten einer stillen Zufriedenheit ist ein Standardtopos der Hirtenliteratur. Und natürlich ist Arkadien aus unserer Perspektive ein Land ohne Wachstum.

Aber mit Gelassenheit und Achtsamkeit werden auch zentrale Punkte des Slow Living genannt. In ihrem Buch Slow Living. Langsamkeit im globalen Alltag gehen Perkins und Craig, zwei Neuseeländer, ausführlich auf eben diese ein und erläutern, warum die Übersetzung mit Langsamkeit irreführend sein kannn und man besser von Achtsamkeit sprechen sollte.

Regionalität, nicht als bornierte lokale Beschränkung und auch nicht nur als Sparen von Ressourcen, sondern als Achtsamkeit und Aufmerksamkeit auf die Besonderheiten der je eigenen Region, ist ein weiteres Kennzeichen.

Heute neigen viele alternativ gesonnene junge Leute solchen Positionen zu, die ich eher dem arkadischen Ideal als der klassischen politischen Utopie zurechnen würde. Betrachtet man die Veröffentlichungen von Longo Mai, einer sich dezidiert als politisch verstehenden Bewegung, so sind die voll von Schafherden und Landleben, so dass einem Arkadien förmlich ins Auge springt. Anders als in meiner Studentenzeit, als wir eher dem utopischen Denken zuneigten und mit der Idylle unserer Probleme hatten, misstrauen die Jungen jetzt dem Staat, sind eher anarchistisch gesonnen, experimentieren mit alternativen Währungen und geldlosem Leben, suchen die Zukunft in kleinen, eher ländlichen Gemeinschaften. Ungeachtet was nun richtig oder falsch ist: die Bereitschaft für die Ideale von Arkadien und goldenem Zeitalten sind eindeutig gewachsen.

Eine andere Idee, die gegenwärtig in alternativen Kreisen intensiv diskutiert wird, ist das aus den Anden stammende Buen Vivir, wo das gute Leben gerade als einfaches Leben im Einklang mit der Natur konzipiert ist. Auch hier sind deutliche Ähnlichkeiten zur Idylle zu erkennen.

All das ist nicht aus dem Nichts entstanden. Als Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Monte Verita am Lago Maggiore eines der ersten Aussteigerprojekte entstanden ist, wurde dieses ausdrücklich auch wegen seiner arkadischen Qualitäten gewählt. Daran schlossen sich unzählige weitere Alternativprojekte an. Wichtig ist mir, dass arkadische Ideen wirksam waren. Es ist aber nicht gesagt, dass die Versuche, die Idylle der Hirtendichtung direkt ins Leben umsetzen zu wollen, der richtige Weg sind. Schon Schiller hatte gesagt, dass der Weg in die Vergangenheit des Goldenen Zeitalters versperrt ist, dass aber seine Vollkommenheit uns als Vorbild für unsere Zukunft dienen soll

Ich verweise nur summarisch auf den Bezug von Arkadien und Goldenem Zeitalter zur Utopie. Zweifellos hat die Idylle utopische Qualitäten, allerdings Qualitäten einer ganz anderen Utopie als der, die wir aus den Staatsentwürfen seit Thomas Morus kennen, dessen „Utopia“ übrigens vor genau 500 Jahren erschienen ist. Es würde zu weit führen, dies hier im Einzelnen zu entfalten. Was aber ins Auge springt ist, dass die Idylle, anders als die Utopie, nicht argumentiert, nicht fragt, wozu etwas gut ist. In literarischer Tradition stellt sie vor Augen und fragt, wie sich etwas anfühlt.

Zu dieser Gegenüberstellung noch ein kurzes Zitat aus einer überraschenden Quelle, nämlich aus einer Apple-Werbung, aber eigentlich ist es gestohlen aus dem Club der toten Dichter.

We don’t read and write poetry because it’s cute. We read and write poetry because we are members of the human race. And the human race is filled with passion. And medicine, law, business, engineering – these are noble pursuits and necessary to sustain life. But poetry, beauty, romance, love – these are what we stay alive for.

und das sind natürlich genau die ewigen Themen der Idylle.

Das wäre zwar jetzt eine gute Stelle um aufzuhören, aber aus aktuellem Anlass möchte ich noch ein paar Worte zu Arkadien und Landschaft hinzufügen. Das ist natürlich ohnedies ein zentrales Thema, denn Arkadien wirkt ja zunächst gerade als Landschaft und das ist ja auch in der bildenden Kunst immer wieder zur Darstellung gekommen. Neu ist aber, dass der Landschaftsschutz sich auf die Idee Arkadiens und verwandte Ideen besinnt. So heißt ein Buch mit Aufsätzen von Werner Bätzing vor allem zu den Alpen, der auch hier bekannt ist, „Orte des guten Lebens“. Und Raimund Rodewald, der vielleicht bekannteste Landschaftsschützer der Schweiz hat unlängst einen Aufsatz veröffentlicht „Arkadien – eine verlorene Utopie?“

Er verweist darauf, dass mit der neuzeitlichen Idylle von Sannazaro und Giorgione in Literatur und Malerei der Begriff der Landschaft überhaupt erst entwickelt wurde und dass ein Besinnen auf die arkadischen Ideale notwendig sei, um die bestehenden Landschaften zu schützen und zu bewahren, wie es gerade hier in Hersbruck im Hutangerprojekt auch geschieht. Er sagt:

Die Bedeutung Arkadiens heute liegt in dem Wissen, dass wir Utopien benötigen, die uns mit existentiellen Fragen unseres Seins konfrontieren. Das ist kein „retour à la nature!“, sondern ein Aufbruch zu Utopien, die den Dingen, wie es Luttringer sagt, die Wärme, die ihnen innewohnt, wieder zurückgibt.

Und weiter:

Arkadien bricht unverhofft über uns herein, in spielerischer, ja musikalischer Weise, weltvergessen und überraschend, oft ephemer. Wir fühlen diese arkadischen Momente, wie Luttringer es sagt, in der unerwarteten Begegnung mit einem monumentalen Baum, mit einem lächelnden Gesicht in der Menge, in der Berührung mit einem Flügelschlag eines Schmetterlings, im Duft der Blüten, unter einem von Bienen bevölkerten summenden Kirschbaum oder in einer unverhofften stillen Waldlichtung.

[Die Bezüge auf Luttringer beziehen sich auf dessen Buch „Weit, weit, Arkadien“]

Diese sozusagen mystischen Momente berühren sich mit einer Passage in dem Buch zu „Slow Living“, wo der Genuss, ein Grundkonzept der SlowFood-Bewegung zur Verzauberung gesetzt wird. Dort heißt es:

Verzauberung ist das Gefühl, dem Leben verbunden zu sein, weil man Ja zu ihm sagt; es besteht in dem flüchtigen Eindruck, sowohl die Welt der Natur als auch die der Kultur machten uns Geschenke, um uns daran zu erinnern, dass es gut ist zu leben.

Und mit dem Schlusssatz aus Rodewalds Aufsatz will dann auch ich schließen:

Arkadien existiert also weiterhin und erfüllt uns mit seinem revolutionären Charakter. Es fragt uns nicht „was nützt es uns?“, sondern „wie fühlt es sich an?“. In solchen Momenten steht die Zeit still und wir werden von Arkadien berührt und gerührt. … Wir haben heute Arkadien als Utopie von einst nötiger, denn je. Eine Welt ohne Arkadien ist eine untergegangene Welt, eine Welt ohne Poesie und Musik ebenso!