Anarchismus, Mystik, Sprachkritik

“Alle Philosophie ist Sprachkritik (aber nicht im Sinn Mauthners).“
Ludwig Wittgenstein

Mit dem Werk Fritz Mauthners, des mittlerweile nahezu unbekannten Pioniers sprachkritischer Philosophie an der Wende zum 20. Jahrhundert, haben wir uns am 9. Oktober 2019 im Logoi. Institut für Philosophie und Diskurs in Aachen beschäftigt und mit dem seines Freundes und Mitarbeiters Gustav Landauer (Bild).

1. Gustav Landauer 

Vor hundert Jahren, am 2. Mai 1919, wurde Gustav Landauer im Anschluss an seine Mitwirkung an der Münchner Räterepublik in München- Stadelheim von Reichskorpssoldaten ermordet. Er selbst war Pazifist und auch sonst der friedfertigste Mensch. Der Gedanke des Anarchismus war für ihn mit Gewalt unverträglich. Er war Intellektueller, politischer Aktivist, Anarchist, Sozialist, Lebensreformer, Atheist, Mystiker und sprachkritischer Philosoph. 

Er verantwortete über lange Zeit die Zeitschrift Der Sozialist, wirkte mit bei der Gründung der Freien Volksbühne in Berlin, an Gemeinschaften mit alternativen Lebensentwürfen, dem Friedrichshagener Dichterkreis und der Neuen Gemeinschaft, die auch für die Gründung der Aussteigergemeinschaft auf dem Monte Verita wichtig war. 

Statt über sein Leben und Denken zu berichten, will ich ihn mit zwei Textpassagen selbst zu Wort kommen lassen (einer längeren zur Utopie und einer kürzeren zum Staat):

Gustav Landauer, Die Revolution (2007)

Die Revolution bezieht sich auf das gesamte Mitleben der Menschen. […] das sich in einem bestimmten Zeitraum relativ im Zustand einer gewissen autoritativen Stabilität befindet. Dies allgemeine und umfassende Gemenge des Mitlebens im Zustand relativer Stabilitat nennen wir: die Topie.

Die Topie schafft allen Wohlstand, alle Sättigung und alien Hunger, alle Behausung und alle Obdachlosigkeit; die Topie ordnet alle Angelegenheiten des Miteinanderlebens der Menschen, führt Kriege nach außen, exportiert und importiert, verschließt oder öffnet die Grenzen; die Topie bildet den Geist und die Dummheit aus, gewöhnt an Anstand und Lasterhaftigkeit, schafft Glück und Unglück, […]; die Topie greift auch mit starker Hand in die Gebiete ein, die ihr nicht angehören: das Privatleben des Individuums und die Familie. […] 

Die relative Stabilität der Topie ändert sich graduell, bis der Punkt des labilen Gleichgewichts erreicht ist.
Diese Änderungen in der Bestandsicherheit der Topie werden erzeugt durch die Utopie. Die Utopie gehört von Haus aus nicht dem Bereiche des Mitlebens, sondern des Individuallebens an. Unter Utopie verstehen wir ein Gemenge individueller Bestrebungen und Willenstendenzen, die immer heterogen und einzeln vorhanden sind, aber in einem Moment der Krise sich durch die Form des begeisterten Rausches zu einer Gesamtheit und zu einer Mitlebensform vereinigen und organisieren: zu der Tendenz nämlich, eine tadellos funktionierende Topie zu gestalten, die keinerlei Schädlichkeiten und Ungerechtigkeiten mehr in sich schließt.

Auf die Utopie folgt dann eine Topie, die sich von der früheren Topie in wesentlichen Punkten unterscheidet, aber eben eine Topie ist.

Diesen Gedanken werden wir hier nicht weiter verfolgen, aber einen anderen

Anarchie Staat 

Wie ein anderer Staat aussehen kann, formuliert Gustav Landauer :

Einen Tisch kann man umwerfen und eine Fensterscheibe zertrümmern, aber die sind eitle Wortmacher und gläubige Wortanbeter, die den Staat für so ein Ding halten, den man zertrümmern kann, um ihn zu zerstören. Der Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andere Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält. 

Das ist nicht nur eine sensible und kluge Bestimmung der Rolle des Staates, sondern auch ein Zeugnis für Landauers Reflexion auf Sprache und Sprachkritik. Die ist für ihn auch Ausdruck und Teil der Anarchie. An der Wortwahl „eitle Wortmacher und gläubige Wortanbeter“ ist auch leicht zu erkennen, an welche Sprachkritik Landauer anschließt.

Es ist das 1901 erschienene Werk aus dem sich „Anfang der dreißiger Jahre der fast erblindete James Joyce in Paris von Samuel Beckett … vorlesen läßt, das seine Radikalität hinter einem altbackenen und bescheidenen Titel verbirgt: die „Beiträge zu einer Kritik der Sprache“ von Fritz Mauthner. – 

(Aus der Einleitung zur Neuausgabe von L.Lütkehaus)

Mauthner, in Böhmen geboren und in Prag aufgewachsen, studierte dort Jura und hörte bei dem Physiker und Wissenschaftstheoretiker Ernst Mach. In Berlin wurde er zunächst ein erfolgreicher Theaterkritiker und Literat, ehe er sich der Sprachkritik zuwandte. 

Unter dem Einfluss seines Werkes entstanden z.B. der Brief des Lord Chandos von Hugo von Hofmannsthal (1902) 

„die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muss, … zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.“ 

wie auch

Rilkes Gedicht „Ich fürchte mich so vor des Menschen Wort, sie sprechen alles so deutlich aus“ 

und Walter Benjamins „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“ (1907). Zugleich war es aber von seinem Erscheinen an von Widerspruch, Verschweigen und Vergessen begleitet und ist heute nahezu unbekannt. Landauer kannte es nur zu gut. Er war der jüngere Freund Fritz Mauthners, der diesem tatkräftig bei der Redaktion behilflich war, ein halbes Jahr davon im Gefängnis in Berlin-Tegel. 

2. Was ist Sprachkritik – und warum ist sie wichtig?

Vielleicht ist dem einen oder der anderen wie mir als Parallele zu Landauers Staatzitat ein anderes von Karl Marx in den Sinn gekommen, nicht nur weil es da auch um Tische geht: 

Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, daß sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken. [… Ein Tisch bleibt Holz], ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.

Die „metaphysische Spitzfindigkeit“ und die „theologischen Mucken“ sind Anlass und Ziel der Sprachkritik – mit anderen Worten: die Skepsis gegenüber religiösen und metaphysischen Wahrheiten, wenn wir unter letzteren solche verstehen wollen, die sich zwar nicht mehr auf religiöse Gewissheiten beziehen, die aber beanspruchen, ihre Gültigkeit nicht aus Empirie zu schöpfen, sei die nun Alltagserfahrung oder naturwissenschaftliche Erkenntnis. Bei Marx ist es die Abstraktion hin zur Ware, die diese Probleme hervorbringt und in der Tat sind es die abstrakten Begriffe, denen die Sprachkritik besonders misstraut. 

Metaphysikkritik gehört zu den Traditionen neuzeitlicher Philosophie. Prominentes Beispiel sind die Kritiken Kants. Aufgabe der Philosophie sind dort nicht mehr metaphysische Sätze über die Welt, sondern die Bestimmung der Grenzen menschlicher Erkenntnis. 

Die Sprachkritik erweist sich hier als janusköpfig. Einesteils stellt sie sich in die Tradition dieser Vernunftkritik, andernteils wendet sie sich gegen sie. Dies deshalb , weil sie die idealistische oder mentalistische Terminologie dieser Philosophie selbst unter Metaphysikverdacht stellt. 

So glaubt Friedrich Max Müller 

„daß es wirklich für die Philosophie die größte Wohltat wäre, wenn alle derartigen Ausdrücke wie Eindruck, Empfindung, Wahrnehmung, Anschauung, Vorstellung, Vergegenwärtigung, Begriff, Idee, Gedanke, Erkenntniß, …u.s.w. eine Zeit lang aus unseren philosophischen Wörterbüchern verbannt und nicht eher wieder aufgenommen würden, bis sie eine vollständige Klärung erfahren hätten.”

F. M. Müller, Das Denken im Lichte der Sprache, 1888

Dahinter steht zum einen der Wunsch nach klaren und verständlichen Begriffen, wie er für die Sprachkritik charakteristisch ist, zum anderen aber ein gezieltes Misstrauen gegen die Begriffe für mentale Gegenstände bzw. innere Zustände. Diese bilden aber gerade das Vokabular der idealistischen Philosophie. Die Sprachkritik will stattdessen nicht mit einer Kritik der Vernunft und des Denkens beginnen, sondern mit einer Kritik der Sprache. Statt des Denkens soll die Sprache zum Gegenstand und Medium der Philosophie werden – wie sie es, nebenher gesprochen, dann mit dem „linguistic turn“ im 20. Jahrhundert auch weithin geworden ist. 

Damit einher geht ein verändertes Verständnis des Zusammenhangs von Sprache und Denken. War und ist für ein traditionelles Verständnis die Sprache nur ein äußerlicher Ausdruck des Gedankens betont die Sprachkritik die Unhintergehbarkeit der Sprache. Wir können über die Gedanken (und über die Wirklichkeit) nicht reden, ohne uns der Sprache zu bedienen. Und so können wir ontologische oder erkenntnistheoretische Fragen in sprachliche übersetzen. Statt nach dem Wesen einer Sache oder der Bedeutung eines Begriffs zu fragen, fragt der sprachkritische Philosoph danach, wie wir ein Wort gebrauchen. Die Mauthnersche Sprachkritik ist bisher dargestellt worden, ohne sich direkt an dem dreibändigen Werk zu orientieren. Deshalb noch ein näherer Blick darauf

Zum Thema Gebrauch schreibt Mauthner unter der Überschrift „Sprache und Sozialismus: 

die Sprache [ist] ein Gebrauchsgegenstand, der durch die Ausbreitung des Gebrauchs an Wert gewinnt. Das Wunder ist leicht aufzuklären. Alle anderen Gebrauchsgegenstände werden durch den Gebrauch entweder vernichtet wie die Nahrungsmittel, oder verschlechtert wie Werkzeuge. Die Sprache ist aber kein Gegenstand des Gebrauchs, sie ist überhaupt kein Gegenstand, sie ist gar nichts anderes als ihr Gebrauch. Sprache ist Sprachgebrauch.“ BKS I 25, 

und weiter: 

Die Sprache ist nur ein Scheinwert wie eine Spielregel, die auch umso zwingender wird, je mehr Mitspieler sich ihr unterwerfen

Er fährt fort über die Sprache als Gemeineigentum, deren Funktion er in Analogie zur Kanalisation einer Stadt durchaus zwiespältig entwirft 

Die Sprache ist Gemeineigentum. Alles gehört allen, alle baden darin, alle saufen es, und alle geben es von sich. 

und kommt zu dem Schluss dass die Sprache, auch wenn letztlich jeder seine eigene hat, nur „zwischen den Menschen“ existieren kann.

Aber weil Sprache immer etwas zwischen den Menschen ist, sozial ist, kann sie wieder bei einem einzigen nicht sein.

Wenn Begriff und Wort, wenn Denken und Sprechen ein und dasselbe ist, wenn ferner die Sprache sich historisch und im Gebrauche des Individuums nicht anders als sozial bilden konnte, so muss auch das Erkennen der Wirklichkeit eine gemeinsame Tätigkeit des Menschen sein. 

Hier deutet sich an, dass der Modellwechsel von einem mentalen zu einem sprachphilosophischen umfassender und grundsätzlicher ist als zunächst gedacht. Der Zweifel Descartes ist der eines allein in einer Stube sitzenden erwachsenen Mannes, der nachdenkt und alles anzweifelt, was ihm in den Sinn kommt: überkommene Lehren, die Außenwelt, die eigene Vorstellung davon usw. Aber er denkt nicht an die dabei benutzte Sprache und erst recht nicht an die sozialen Zusammenhänge, in denen er diese Sprache erworben hat. Deren Einbezug verändert dann aber die Sichtweise nicht nur auf Sprache und Denken, sondern auf die Gesamtheit der inneren Zustände oder seelischen Ereignisse. 

Für Mauthner waren diese Entdeckungen aber nicht beglückend. „Der Mensch hat in seiner Sprache die Welt nach seinem Interesse geordnet“ war für ihn klar, zugleich aber Anlass, an der für ihn dadurch bedingten Unmöglichkeit von Erkenntnis zu verzweifeln. Das lässt ihn sogar von einem wünschenswerten „Selbstmord der Sprache“ sprechen. Am Ende des ersten Bandes sagt er: „auf der steilsten Höhe lässt sie (die Sprache) uns los und ruft uns zu: Ich war dir ein falscher Führer! Befreie dich von mir!“

3. Wende der Philosophie – Linguistic Turn 

Moritz Schlick, Wende der Philosophie

Es kann gut sein, dass einige jetzt sagen: Das Stück kenne ich, aber mit anderen handelnden Personen.

Moritz Schlick, der Begründer des Wiener Kreises, beschreibt diese andere Besetzung und Geschichte folgendermaßen: Nachdem er die wechselvolle Geschichte philosophischer Meinungen mit ihren Umbrüchen bei Descartes, Spinoza, Kant vorgestellt hat, betont er: 

daß ich ein volles Bewußtsein von der Tragweite und Inhaltsschwere der Überzeugung habe, die ich nun aussprechen möchte. Ich bin nämlich überzeugt, daß wir in einer durchaus endgültigen Wendung der Philosophie mitten darin stehen und daß wir sachlich berechtigt sind, den unfruchtbaren Streit der Systeme als beendigt anzusehen. 

Die Mittel [dazu] sind in aller Stille, unbemerkt von der Mehrzahl der philosophischen Lehrer und Schriftsteller, geschaffen worden, 

Die Wege gehen von der Logik aus. … wichtige Strecken haben in den letzten Jahrzehnten Gottlob Frege und Bertrand Russell erschlossen, bis zu der entscheidenden Wendung aber ist zuerst Ludwig Wittgenstein (im „Tractatus logico-philosophicus“, 1922) vorgedrungen.

Die Philosophie des Traktats und des Wiener Kreises ist logischer Empirismus. Die menschliche Erkenntnis entsteht durch Erfahrung PLUS Logik, die über Schlussfolgerung komplexe Theorien ermöglicht und die entsprechenden Begründungsverpflichungen regelt. Ansonsten finden sich auch hier die wesentlichen Bestimmungsstücke der Mauthnerschen Sprachkritik: 

Unhintergehbarkeit der Sprache, Sprache als Thema und Medium der Philosophie, und Metaphysikkritik, letztere z.B. in dem programmatischen Aufsatz Rudolf Carnaps: Die Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache, in dem er die Sprachverwendung Heideggers analysiert und kritisiert. 

Siegeszug analytische Philosophie 

Die an Wittgenstein und den Wiener Kreis sich anschließende analytische Sprachphilosophie trat im 20. Jahrhundert einen Siegeszug an, der unter dem Namen des linguistic turn in der Philosophie bekannt wurde – allerdings ein Triumphzug mit etlichen Umwegen. Zum einen entwickelten sich durchaus unterschiedliche Ausprägungen, auf die im Detail einzugehen hier weder möglich noch nötig ist. Zum anderen bereitete der Nationalsozialismus dieser Art der Philosophie in Wien und Deutschland ein schnelles Ende – mit der Folge, dass viele ihrer Vertretet nach Amerika oder England emigrierten. In diesen philosophisch eher dem Empirismus als dem deutschen Idealismus zuneigenden Ländern fand die analytische Philosophie einen vielleicht besseren Nährboden. Nach dem zweiten Weltkrieg erfolgte eine Art Rückimport, der von manchen wohl als Nachkriegssurrogat für echte Philosophie betrachtet wurde, sich aber gleichwohl so verbreitete, dass er mit Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns auch die Kritische Theorie erreichte und 1972 in Gestalt des Konstruktivismus auch Aachen. 

Spätestens auf diesen weiten Wegen ist jeder Bezug zu Mauthner verloren gegangen. Gibt es aber überhaupt einen?

Der Satz 4.0031 des Tractatus lautet:

Alle Philosophie ist „Sprachkritik“. (Aber nicht im Sinn Mauthners.) 

Sprachkritik steht in Anführungszeichen, sozusagen als Zitat, und es war in dieser Zeit klar, dass damit Mauthners Beiträge zur Kritik der Sprache gemeint sind.

Dieser Satz ist für viele Philosophen heute der einzige Anlass, noch nach Mauthner zu fragen. 

Warum dann aber diese Klammer: Aber nicht im Sinn Mauthners. Man kann das als Distanzierung lesen, muss es aber nicht. Der nachfolgende Satz heißt nämlich:

Russells Verdienst ist es, gezeigt zu haben, dass die scheinbare logische Form des Satzes nicht seine wirkliche sein muss. 

Viele Interpreten sehen das als Hinweis, dass Wittgenstein den Logikbezug als wesentlichen Unterschied ansieht. In der Tat hat Mauthner Frege und Russell nicht zur Kenntnis gekommen und insgesamt eine schlechte Meinung von der Logik. In seinem zweiten Hauptwerk Philosophische Untersuchungen hat Wittgenstein allerdings selbst die Fundierung der Philosophie durch formale Logik verworfen und durch den Bezug auf die Alltagssprache ersetzt. Elisabeth Leinfellner folgert daraus, die Philosophischen Untersuchungen seien daher sehr wohl eine Sprachkritik im Sinne von Mauthner. Nicht nur das. Der Übergang selbst ist sozusagen ein Beleg für Mauthners These, dass die Bildlichkeit der Sprache uns gefangen hält. Wittgenstein in den PU: 

„Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen.“

Gershon Weiler schreibt dazu:

Wittgenstein is quite close here to Mauthner’s doctrine about the misleading character of language. 

Und so lässt sich durchaus fragen, ob Wittgensteins Vertrauen zunächst in die Logik, dann in die Alltagssprache, vollauf gerechtfertigt ist.

Auch im Detail gibt es eine Reihe von Gemeinsamkeiten, z.B. 

gemeinsame Metaphern: die Sprache als Stadt, 

Mauthner „Die Sprache ist geworden wie eine große Stadt 

Wittgenstein „man kann die Sprache ansehen als eine alte Stadt“ PU § 18 )

Oder die Sprache als Fluss, der sich als gleicher doch ständig verändert. 

Wir hatten schon über Mauthners These von der Sprache als Gebrauch geredet, die sich auch im Tractatus findet 

und über die Spielregel, die dann in den Philosophischen Untersuchungen zentrale Bedeutung bekommt 

Auch über die therapeutische Funktion der Philosophie sind sich beide einig

Mauthner: Philosophie kann dem Organismus der Sprache oder des Menschengeistes gegenüber nicht mehr tun, als ein Arzt gegenüber dem physiologischen Organismus; sie kann aufmerksam zusehen und die Ereignisse mit Namen benennen. 

Wittgenstein: ‘Der Philosoph behandelt eine Frage; wie eine Krankheit.’

Mehr Beispiele ließen sich anfügen. Es geht hier aber nicht darum, Wittgenstein des Plagiats zu bezichtigen. Er ist kein Baron von Guttenberg, sondern von gänzlich anderer Mentalität, wie wir im Anschluss gleich sehen werden. Mit den Beispielen möchte ich dem Eindruck entgegen treten, dass Mauthner und Wittgenstein gänzlich verschiedene Ansätze der Sprachkritik verträten Dazu rufe ich als Zeugen wieder Gershon Weiler an, einen der besten Kenner der beiden: 

What remains the most important point of contact between the two philosophers is that for both of them the analysis and understanding of language is the chief task of philosophy. Analysis is, for both of them, the only method by which we can gain whatever it is that we call understanding the world. From this point of view we can confidently say that, no matter how different their views on particular issues, both Mauthner and Wittgenstein have been practising critique of language in the same sense.

4. Paläontologie der analytischen Philosophie 

Wittgenstein hat seine Einstellung zu Zitieren und Tradition so zusammengefasst: 

-Wieweit meine Bestrebungen mit denen anderer Philosophen zusammenfallen, will ich nicht beurteilen. Ja, was ich hier geschrieben habe, macht im Einzelnen überhaupt nicht den Anspruch auf Neuheit; und darum gebe ich auch keine Quellen an, weil es mir gleichgültig ist, ob das, was ich gedacht habe, vor mir schon ein anderer gedacht hat.

Für einen unabhängigen Kopf ist das natürlich eine akzeptable Position. Es hat allerdings zu dem problematischen Verständnis beigetragen, dass die analytische Philosophie fast aus dem Nichts entstanden sei. „Wittgenstein hat keinen Vorgänger“ schrieb der Wittgenstein-Editor Georg Henrik von Wright. 

Fritz Mauthner ist in diesem Punkt das vollkommene Gegenteil. Er zitiert nicht nur seine Vorgänger, er scheut auch keine Mühe, sie aufzuspüren und durch Veröffentlichungen bekannt zu machen. 

Nehmen wir als ein Beispiel die Leitermetapher, die Wittgenstein im vorletzten Satz des Tractatus als überraschende Wende einführt – nachdem er im Vorwort noch geschrieben hatte “Dagegen scheint mir die Wahrheit der hier vorgetragenen Gedanken unantastbar und definitiv..“

6.54 Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) 

Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig. 

Mauthner schreibt auf der ersten Seite seiner Sprachkritik: 

Auf Stufen muss man emporsteigen und jede Stufe ist ein neuer Trug, weil sie nicht frei schwebt … im Augenblick der Berührung schwebt auch (der Emporsteigende) nicht frei, ist auch er gefesselt an die Sprache dieses Augenblicks, dieser Stufe. 

Will ich emporklimmen in der Sprachkritik, …, so muss ich die Sprache hinter mir und vor mir und in mir vernichten von Schritt zu Schritt, so muss ich jede Sprosse der Leiter zertrümmern, indem ich die betrete. Wer folgen will, der zimmere die Sprossen wieder, um sie abermals zu zertrümmern. 

Mauthner findet aber auch einen Vorgänger in der Leitermetapher, Otto Friedrich Gruppe, zitiert ihn nicht nur, sondern schreibt einen Aufsatz über ihn und gibt sein Werke „Antäus“ neu heraus. 

Gruppe endet eine längere Passage zur Leitermetapher so:

„Wenn er dann auf seiner Leiter oben ist, so nehme man diese Zufälligkeit hinweg, und verlange,.. er solle auch eben so durch die Luft hinabsteigen. Alsdann wird er den Hals brechen oder sich ergeben müssen. Dies ist nun noch weit mehr unser Fall. Denn die Sprache … hat selbst hinter sich alle Übergänge vernichtet und die Spur ihres Weges unkenntlich gemacht: sie selbst hat die Leiter fortgenommen, nachdem wir oben sind. Wenn nun die Philosophen nicht durch gründliches Sprachstudium diese Uebergänge, diese hohe Leiter, zu ersetzen wissen, wovon allein der Sinn und die Bedeutung nicht einzelner Wörter sondern der ganzen Sprache und ihres Gebrauchs abhängt — was folgt? — daß sie den Hals brechen. 

Nicht nur in Gruppe findet Mauthner einen Vorläufer, sondern mit Hamann und Jacobi bis zurück zum Ende des 18. Jhdts 

“Werde ich es sagen, endlich laut sagen dürfen: daß sich mir die Geschichte der Philosophie je länger desto mehr als ein Drama entwickelte, worin Vernunft und Sprache die Menächmen spielen. Dieses sonderbare Drama hat es eine Katastrophe, einen Ausgang; oder reihen sich nur immer neue Episoden an? Ein Mann, den nun alles was Augen hat, groß nennt,” (Kant)“ schien den Gang der Verwicklungen dieses Stückes erforscht zu haben, und ihm ein Ende abzusehen. Mehrere behaupten: es sei nun dies gefunden und bekannt. Vielleicht mit Recht… Und es fehlte nur an einer Critik der Sprache, die eine Metakritik der Vernunft seyn würde, um uns alle über Metaphysik eines Sinnes werden zu lassen.”

F. H. Jacobi, Zugabe an Erhard O, zu Allwllls Briefsammlung, 1792®

Mauthner las auch mit Aufmerksamkeit Kant und stellte fest, dass in der Kritik der Urteilskraft die Sprache mehr ins Zentrum rückt als in den Kritiken davor. Kant beschäftigt sich da mit ästhetischen Urteilen, nicht mit dem Schönen. Mauthner vermutet, hätte Kant dieses Verfahren schon in der Kritik der reinen Vernunft angewandt, wäre das DIE Sprachkritik per se geworden. 

5. Perspektivwechsel: Missratene Söhne 

Carolin Kosuch hat ein Buch geschrieben

Missratene Söhne“ mit dem Untertitel „Anarchismus und Sprachkritik im Fin de Siècle“. Darin porträtiert sie Landauer, Mauthner und als dritten Erich Mühsam. Gemeinsam ist bei aller Verschiedenheit der Hintergrund eines jüdischen Familienlebens mit einem dominierenden, wirtschaftlich sehr erfolgreichen Vater. In allen Fällen handelt es sich um assimilierte Juden, bei denen die jüdische Religion im familiären Alltag keine Rolle mehr spielte. Unter dem Aspekt der Sprachkritik, nicht freilich des Anarchismus, wäre als dritter fast noch besser Wittgenstein geeignet gewesen, für den das alles auch gilt. Sein von ihm verschenktes Erbteil soll mehreren hundert Millionen Euros entsprochen haben. Drei seiner Brüder endeten durch Selbsttötung und er trug sich zeitweise auch mit solchen Gedanken. Die Erfahrungen des ersten Weltkrieg ließen ihn sich vom Familienerbe, zeitweise auch von der Philosophie ab- und der tätigen Nächstenhilfe zuwenden.

6. Das Mystische 

Den Tractatus kann man fast bis zum Ende als ein uneingeschränktes Bekenntnis zum logischen Empirismus lesen, der auf die Erkenntnis durch (naturwissenschaftliche) Erfahrung und Logik vertraut. Und so wurde er auch von vielen gelesen. Auch der Schlusssatz: 

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ 

ließe sich einfach verstehen als: Wer über mehr als durch Empirie gesicherte Sachverhalte sprechen will, solle den Mund halten – stünden da nicht vorher ein paar verstörende Absätze:

6.52 Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort. 

6.521 Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist dies nicht der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand.) 

6.522 Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische. 

Es folgt dann die Metapher von der Leiter, die man wegwerfen muss, die auch bei Mauthner und Gruppe benutzt wurde. Dem Kenner wird auffallen, dass die Leiter seit Jahrhunderten zum sprachlichen Inventar der Mystik gehört, z.B. als Jakobsleiter, die Erde und Himmel verbindet. 

Und damit bekommt auch das Schweigen im darauf folgenden Schlusssatz einen anderen Klang. 

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. 

Das Schweigen war immer auch ein Weg der Mystik – oder häufig mehr als das: ihr Ziel. 

Irgendwann in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit besucht jemand einen befreundeten Anarchisten. Er betrachtet dessen Bibliothek und sagt erstaunt: Meister Eckharts Schriften hätte ich bei einem Anarchisten eigentlich nicht vermutet. (Meister Eckhart war ein Mystiker des Spätmittelalters). Der Anarchist erwidert: Schau mal auf den Herausgeber. Der war Gustav Landauer. In der Tat hat der die Predigten Eckharts aus dem Mittelhochdeutschen übertragen und herausgegeben. Von Landauer stammt auch das Büchlein „Skepsis und Mystik“, das Mauthner zugeeignet und in der von Martin Buber herausgegebenen Reihe „Die Gesellschaft“ erschienen ist, genau wie seine eingangs zitierte Schrift „Die Revolution“. 

Mauthner betrachtete sein vierbändiges Werk „Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande“ als die praktische Seite seiner Sprachkritik. An seinem Ende steht ein Kapitel über „Gottlose Mystik“. Mauthner macht sehr deutlich, dass die Mystik als der Weg zum Schweigen für ihn Triebkraft seiner Sprachkritik war. 

Statt hier einen Gegensatz zu finden, der für Wittgensteins „Aber nicht im Sinn von Mauthner“ verantwortlich sein könnte, stoßen wir im Punkt der Mystik auf die vielleicht überraschendste und vollkommenste Übereinstimmung. Wittgenstein äußert sich in späteren Jahren nicht oder kaum mehr zur Mystik. Nach Aussagen eines Schülers hat er sich aber weiter damit beschäftigt, glaubte aber immer weniger daran, etwas dazu sagen zu können. 

Meine eigene Aufmerksamkeit für die Mystik wurde übrigens durch Ernst Tugendhat erregt, inzwischen emeritierter Sprachphilosoph und, schon nicht mehr überraschend, Sohn assimilierter, wirtschaftlich sehr erfolgreicher Juden. Mit Aachen verbindet ihn, dass sein Elternhaus, die Villa Tugendhat in Brünn, zu den bedeutendsten Bauwerken von Mies van der Rohe gehört. Für Tugendhat verkörpert das Mystische Erfahrungen des Staunens, des sich Eins mit der Welt und den Menschen Fühlen, des Aufhörens der Sorge um sich selbst. Es bedeutet das Leben als Geschenk zu erleben und die Frage ist, ob das auch möglich ist, ohne eineN SchenkendeN zu denken.

Nietzsche schrieb: „Wenn Skepsis und Sehnsucht sich begatten, entsteht die Mystik.“ (Aph. 71)

Und in der Tat ist Sehnsucht für Mauthner hier eine treibende Kraft. Natürlich übernimmt ein Skeptiker wie Mauthner nicht gedankenlos alle mystische Rede. Was ihn aber für die Mystik einnimmt, ist, dass sie ohne vergegenständlichenden Gottesglauben die tiefe Sehnsucht der Menschen verkörpert. Die erkennt er bedingungslos an und kann sich, wenn auch mit Schwierigkeiten, damit abfinden, dieses Gefühl religiös zu nennen. Sprachkritik ist für ihn auch der Weg weg von einem metaphysischen Glauben zu dem Gefühl der Sehnsucht, das seine Erfüllung im Schweigen finden kann. Die Mystiker waren immer auch die Abweichler und Ketzer.

„Mystischer Unsinn“ ist die rationalistische Antwort darauf, dass die Mystiker aller Zeiten die Vernunft nur gering achteten, dass die Mystiker aller Zeiten der schwatzenden Vernunft gegenüber immer das Schweigen prlesen, mitunter erstaunlich beredt priesen. (Mauthner, Gottlose Mystik, S. 40 f.) 

Da kommt nun unweigerlich der Satz von Franz Rosenzweig ins Spiel („Der Stern der Erlösung“, Dank an Jürgen Kippenhan); 

„Es gibt nichts im tieferen Sinn Jüdisches als ein letztes Misstrauen gegen die Macht des Wortes und ein inniges Zutrauen zur Macht des Schweigens.“ 

Was wir bei unseren drei (oder mit Tugendhat vier) Mystiksympathisanten gefunden haben, bestätigt diesen Satz in verblüffender Weise. Umgekehrt bietet dieser sich als Erklärung für deren überraschende Übereinstimmung an. Vorsicht ist trotzdem geboten. Der Kontakt mit der Mystik erfolgt bei allen nicht spezifisch über die jüdische Mystik, sondern bei Mauthner und Landauer über die christliche Mystik, besonders Meister Eckhart. Wittgenstein beruft sich auf Tolstoi, Tugendhaft knüpft besonders an den Buddhismus an. Auch sagte der Kabbalist Koppel Hecht im 18.Jhdt, als jemand in die jüdische Mystik eingeweiht werden wollte: 

Die Christen haben ein Buch, das von der Kabbala noch viel deutlicher redet als der Sohar. 

Gemeint war Jakob Böhme. 


In einem Radiobeitrag 1961 hebt Habermas die Rolle der jüdischen Philosophen für den deutschen Idealismus hervor, auch den Beitrag der jüdischen Mystik – hat aber gleichzeitig die Sorge, ihnen damit erneut einen Judenstern anzuheften. In diesem Beitrag sagt Habermas auch:

Diese Art »Theologie« hatte wohl Walter Benjamin bei seiner listigen Bemerkung im Auge, daß der historische Materialismus es ohne weiteres mit jedem würde aufnehmen können, wenn er nur die Theologie in seinen Dienst nähme. Das ist durch Ernst Bloch geschehen. Bloch verbindet im Medium einer marxistisch angeeig­neten jüdischen Mystik das soziologische mit dem naturphilosophi­schen Interesse zu einem System, das, wie heute kein anderes, vom großen Atem des .deutschen Idealismus getragen ist. Im Sommer 1918 erschien »Der Geist der Utopie«, der dem ökonomisch befangenen Marxismus den Spiegel vorhält: er gleiche einer »Kritik der reinen Vernunft«, zu der die »Kritik der praktischen Vernunft« noch geschrieben werden müsse.

Damit schließt sich ein Kreis. Die Blochsche Utopie entspricht ganz Landauers Konzept, nach dem die Utopie Teil des Individuallebens, nicht des gesellschaftlichen MItlebens ist. Sie wird sich als solche nie realisieren, sondern im besten Fall eine neue, bessere Topie hervorbringen. 

Dieser utopische Aspekt scheint auch bei Mauthner auf, wenn er am Ende seines Werks „Gottlose Mystik“ schreibt: 

„Sprachkritik war mein erstes und ist mein letztes Wort. Nach rückwärts blickend ist Sprachkritik alles zermalmende Skepsis, nach vorwärts blickend, mit Illusionen spielend, ist sie eine Sehnsucht nach Einheit, ist sie Mystik.“

7. In der Negation siegreich 

Mauthner sah seine Arbeit als nominalistische Erkenntnistheorie und so lässt sich weitgehend auch die gesamte sprachanalytische Philosophie einordnen. Im Universalienstreit des Mittelalters ging es um den Status der Allgemeinbegriffe. Wie verhält sich der Begriff des Tisches zum einzelnen Tisch. Die Begriffsrealisten hielten ihn als Idee, die den Einzeldingen vorausgeht (ante rem), für real, die Nominalisten sahen in ihm eine nachträgliche menschliche Kategorisierung, er ist post rem. Ohne das vertiefen zu können, präsentiere ich unvermittelt einen bemerkenswerten Gedanken Mauthners dazu.

Wie aber, wenn auch die Individuen nur post rem, nur in unserem Denken Einheiten wären? (vgl. Art. Einheit) Dann wären am Ende vielleicht die Arten und Gattungen nicht weniger wirklich als die Individuen, und wir müßten nach einem Streite von tausend Jahren eingestehen, daß der Nominalismus nur in der Negation siegreich war gegen den kirchlichen Wortrealismus des Mittelalters, daß der Nominalismus aber positiv nichts zur Welterkenntnis beigetragen hat. 

Dieses gelassene Eingeständnis ließe sich gut auch auf Mauthners Sprachkritik anwenden. Als positives System verstanden bleibt sie problematisch, in der Negation aber war sie siegreich.

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