Das Ende der Allmende

Mittlerweile ist  in der Reihe Studien zur Ortsgeschichtsforschung im Landkreis Starnberg ein Band zu Allmenden. Gemeinschaftsgut und Nutzungsrechte erschienen (und auch in der Süddeutschen Zeitung besprochen worden), der die Vorträge einer Arbeitstagung im letzten Jahr in Andechs wiedergibt.. Ich hatte einen Beitrag beigesteuert und dabei  besonders auf das Ende der Allmende und auf den Zusammenhang mit dem epochalen wirtschaftshistorischen Umbruch abgehoben, den Polanyi The Great Transformation nennt. Aus dem längeren Text gebe ich hier nur diesen Abschnitt wieder:

Allmendaufhebung

In Preußen hatte Friedrich II., der Große, die Aufteilung und Vernichtung der Allmenden mit großer Geplantheit und Entschlossenheit zu seinem persönlichen Anliegen gemacht (Zückert 2003, S. 295 ff) , für uns eine erstaunliche Tatsache, die deutlich macht, dass es um alles andere als ein Randphänomen der Politik gegangen sein muss. Freilich war die Bedeutung der Landwirtschaft innerhalb der Gesamtwirtschaft in jenen Zeiten viel höher. Auch war ihre Entwicklung eine notwendige Basis für den wirtschaftlichen, militärischen und politischen Aufstieg, der damals erfolgte. Aber das ist noch nicht die ganze Wahrheit.

Die Allmendaufhebung hat ja nicht nur in Preußen stattgefunden, sondern in ganz Europa und in den davon beeinflussten Teilen der Welt. Besonders deutlich wird das im Zusammenhang kolonialer Politik, weil hier ältere Wirtschaftsstrukturen und die Interessen der bürgerlichen Eigentumsformen direkter und unverhohlener aufeinander trafen. Im Zusammenhang meines Interesses an den arabischen Baumallmenden stieß ich auf sehr kenntnisreiche Berichte von Rosa Luxemburg über die Politik Frankreichs gegenüber ihren nordafrikanischen Kolonien: zum einen in der während des Ersten Weltkriegs im Gefängnis geschriebenen “Einführung in die Ökonomie”, zum anderen und ausführlicher im 27. Kapitel ihrer “Akkumulation des Kapitals”. Dort schreibt sie:

Bei den viehzüchtenden arabischen Nomaden war der Grund und Boden Eigentum der Geschlechter. „Dieses Geschlechtseigentum“, schrieb der französische Forscher Dareste im Jahre 1852, „geht von Generation zu Generation, kein einzelner Araber kann auf ein Stück Land weisen und sagen: Dies ist mein.“

Der Boden war im Eigentum der Geschlechterverbände (Clans), die auch sonst über wichtige Fragen der Gemeinschaft zu bestimmen hatten. Dies blieb zunächst auch nach dem Übergang zum Ackerbau so. Die französische Kolonialregierung bestritt zunächst, dass es solche Art Eigentum geben könne – wie es z.B. auch die englische in Indien getan hatte. Nachdem sie es dann doch anerkennen musste, war ihre erste Handlung, seine Aufteilung und Privatisierung in Angriff zu nehmen:

„Die Regierung“, erklärte General Allard 1863 im Staatsrat, „verliert nicht aus dem Auge, daß das allgemeine Ziel ihrer Politik dies ist, den Einfluß der Geschlechtervorsteher zu schwächen und die Geschlechter aufzulösen. Auf diese Weise wird es die letzten Reste des Feudalismus (!) beseitigen, als dessen Verteidiger die Gegner der Regierungsvorlage auftreten. Die Herstellung des Privateigentums, die Ansiedelung europäischer Kolonisten inmitten der arabischen Geschlechter …, das werden die sichersten Mittel zur Beschleunigung des Auflösungsprozesses der Geschlechtsverbände sein.“

Das Privateigentum, so wurde argumentiert, sei die notwendige Bedingung intensiver und guter Bodenbebauung. Nach Luxemburg benutzten aber die französischen Spekulanten das neu geschaffenen Privateigentum in Algerien zu allem anderen als zur Verbesserung des landwirtschaftlichen Anbaus. Zehn Jahre später war das Ziel erreicht:

„Die Ihrem Studium unterbreitete Gesetzesvorlage“, sagte der Abgeordnete Humbert am 30. Juni 1873 in der Sitzung der französischen Nationalversammlung als Berichterstatter der Kommission zur Ordnung der Agrarverhältnisse in Algerien, „ist nicht mehr als die Krönung des Gebäudes, dessen Fundament durch eine ganze Reihe von Ordonnanzen, Dekreten, Gesetzen und Senatskonsulten gelegt war, die alle zusammen und jedes insbesondere ein und dasselbe Ziel verfolgen: die Etablierung des Privateigentums bei den Arabern.“

Die planmäßige, bewußte Vernichtung und Aufteilung des Gemeineigentums, das war der unverrückbare Pol, nach dem sich der Kompaß der französischen Kolonialpolitik ungeachtet aller Stürme im inneren Staatsleben während eines halben Jahrhunderts richtete.

Luxemburgs Darstellung ist nicht nur ein wichtiger Beitrag zum Gemeineigentum in der nordafrikanischen Kultur – und zur Kolonialpolitik. Sie setzt auch neue und eigenständige Akzente in der marxistischen Interpretation von Allmende und Gemeineigentum und rückt insgesamt auch die historische Bedeutung der Allmenden bzw. ihrer Aufhebung für die Entwicklung der neuen kapitalistischen Wirtschaftsordnung in ein neues Licht.

Diese Wirtschaftsordnung hat nun nicht in Algerien ihren Anfang genommen, auch nicht in Preußen. Wir erinnern uns: Friedrich II. hatte darauf verwiesen, bei der Abschaffung der Allmende dem guten Beispiel Englands zu folgen und nicht zufällig gilt dieses ja auch als Mutterland des Kapitalismus.

Die Aufhebung der Allmenden und ihre Privatisierung ging fast immer auf Kosten der Ärmeren und Ärmsten und hat daher durch die Geschichte hindurch zu blutigen Protesten geführt. In England etwa wurde die Waldallmende und entsprechende Nutzungsrechte bereits mit der Magna Charta 1215 aufgehoben. Die Entscheidung löste empörte Wut seitens der Armen aus, deren abenteuerlicher Vertreter Robin Hood bis heute als Held in die englische Geschichte eingegangen ist. In einer zwei Jahre später erfolgten Ergänzung wurden einige Rechte in der sogenannten Wald-Charta wieder zugestanden.

Später folgte die berühmte „Enclosure“ (in alten Dokumenten noch als „Inclosure“ geschrieben), die „Einhegung“ als Privatbesitz, die sich allerdings in verschiedenen historischen Zusammenhängen durchaus unterschiedlich und auch widersprüchlich darstellt. So bilden die frühen Tudor-Enclosures ab dem späten 15. Jahrhundert nach der landwirtschaftlichen Ideologie des 19. Jahrhunderts eher einen „Rückschritt“, weil hier Ackerland in Weideland verwandelt wird – um den Besitzern hohe Gewinne aus der Wollwirtschaft zu sichern. Diese Allmendaufhebung wird thematisiert in der „Utopia“ des Thomas Morus, die in diesem Jahr (2016) den 500. Jahrestag ihrer Drucklegung feiert und den Utopien ihren Namen gegeben hat. Sie war sogar ein wichtiger Anlass für ihre Entstehung. Als wichtige Ursache für das Elend in der damaligen englischen Gesellschaft wird folgende genannt:

„Das sind eure Schafe, die so sanft und genügsam zu sein pflegten, jetzt aber, wie man hört, so gefräßig und bösartig werden, daß sie sogar Menschen fressen, Felder, Gehöfte und Dörfer verwüsten und entvölkern. Denn überall, wo in eurem Reiche feinere und daher bessere Wolle erzeugt wird, da sind hohe und niedere Adlige, ja auch heilige Männer, wie einige Äbte, nicht mehr mit den jährlichen Einkünften und Erträgnissen zufrieden, die ihren Vorgängern aus den Landgütern erwuchsen. … Sie lassen kein Stück Land zur Bebauung übrig, sie zäunen alles als Weide ein, reißen die Häuser ab, zerstören die Dörfer und lassen gerade noch die Kirchen als Schafställe stehen»“ Thomas Morus, Utopia

Die heutige Bevölkerungsleere des nördlichen Schottlands geht auf diese Zeit zurück. Die vertriebenen Bauern fanden keinen Lebensunterhalt mehr, mussten schließlich betteln und stehlen und wurden gehängt, in der Regierungszeit Heinrichs VIII. sollen es 72000 gewesen sein. Thomas Morus wendet sich vehement gegen diese Form der „Rechtsausübung“. Im weiteren Verlauf der Geschichte ergriff allerdings der König und Teile des Adels Partei gegen die Enclosure und bemühten sich um Unterstützungsmaßnahmen für die vertriebenen Bauern. Vielleicht genauso erstaunlich mag erscheine, dass sich das Parlament dagegen für die Enclosure als fortschrittliche Lösung aussprach.

The Great Transformation

Mit der eben zitierten Passage aus der Utopia beginnt Polanyi den Hauptteil seines großen wirtschaftshistorischen Werks „The Great Transformation“, überschrieben mit „Rise and Fall of Market Economy“ (Aufstieg und Fall der Marktwirtschaft), sicher eine der gründlichsten und grundlegendsten Abhandlungen zu diesem Thema – mit dem besonderen Schwerpunkt auf den Entwicklungen in England.

Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Einführung der Marktwirtschaft – und die damit verbundenen Probleme. Mit einer Marktwirtschaft meint Polanyi aber nicht jede Wirtschaft, in der ein Teil des Wirtschaftslebens über Märkte abgewickelt. Das ist bekanntlich schon seit dem Mittelalter der Fall. Er legt aber Wert darauf, dass dies jahrhundertelang lokale Ereignisse waren, die in einen wirtschaftlichen und politischen Gesamtrahmen eingebettet waren, der seinerseits keine Marktökonomie darstellte. Wir können, darin über Polanyi hinausgehend, die Märkte sogar als eine Art Allmenden interpretieren. Sie stellen keine Privateigentum dar, stehen der Allgemeinheit zur Verfügung, haben ein festes Regelgefüge und Personal, das auf dessen Einhaltung achtet. Diese Märkte entwickelten sich weiter. Insbesondere im Zusammenspiel mit Absolutismus und Merkantilismus kam es zur Ausbildung von nationalen Märkten.

Der Schritt zu dem, was Polanyi Marktwirtschaft nennt, liegt aber noch später, nämlich am Anfang des 19. Jahrhunderts. Erst mit der Industrialisierung entstand die Idee der Marktwirtschaft als Rahmenregulativ der gesamten menschlichen Gesellschaft, der Primat der Wirtschaft gegenüber Staat und Gesellschaft. Vorausgegangen war eine weitere Welle von Landprivatisierungen (Enclosures) im 18. Jahrhundert. Die Lehren aus den Tudorzeiten waren vergessen. Es kam wieder zu bitterem Elend auf dem Lande, dieses Mal gekoppelt mit der Einführung der Industrie, was zu komplizierten Wechselwirkungen und unterschiedlichen Maßnahmen führte, die hier in ihrer Komplexität nicht dargestellt werden können.

Wir wollen aber die zumindest die wesentlichen Veränderungen dieser Epoche und die daraus entstehende Problematik verstehen. Waren zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf einem Markt verkauft werden können – und dass sie (für diesen Zweck) produziert werden. Die Volkswirtschaft kennt als Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. Gerade ältere Wirtschaftstheorien nennen als Produktionsfaktor auch den Boden. Das hat natürlich seinen Grund in der größeren Wichtigkeit der Landwirtschaft in früheren Zeiten. Für die klassische Allmende ist klar, dass der Boden Produktionsfaktor ist. Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, ihn als Ware zu betrachten. Der volkswirtschaftliche Begriff des Bodens beschränkt sich dabei nicht auf den Weide- oder Ackerboden. Auch Rohstoffe, Bodenschätze und Naturressourcen allgemein sind ihm zuzurechnen. Der entscheidende und nach Polanyi verhängnisvolle Schritt im Zusammenhang mit der Industrialisierung besteht nun darin, auch den Boden als Ware zu betrachten. Gleiches gilt für Arbeit und Geld, aber wir müssen uns hier beschränken und diese außer Acht lassen. Polanyi nennt dies fiktionale Waren. Echte Waren sind es deshalb nicht, weil diese definitionsgemäß produzierbar sein müssen. Boden und generell Natur sind das aber nicht. Die Märkte überschreiten damit sozusagen ihre bestimmungsgemäßen Grenzen. Das aber nicht ohne Grund, wenn man die Geschichte der Industrialisierung betrachtet. Aus den Händlern, die z.B. den Webern ihre Produkte ab- und auf Märkten weiterverkauften. Aus diesen Händlern, deren Welt naturgemäß die Waren waren, wurden Unternehmen. Sie investierten in Webmaschinen. Damit sich die große Investition lohnte, mussten die Rohstoffe (und die Arbeit) beliebig kaufbar sein, mit andern Worten: sie mussten zu Waren werden. Das gilt natürlich auch für das Land, auf dem die Schafe weideten oder der Flachs oder die Baumwolle wuchs. Die Allmenden standen dieser Warenförmigkeit entgegen und mussten deshalb verschwinden. An ihre Stelle trat das neue bürgerliche Privateigentum am Boden, der uneingeschränkt ge- und verkauft werden konnte.

Polanyi erklärt auch, warum das System im 19. Jahrhundert noch lange stabil gehalten werden konnte. Erst in den Erschütterungen des 20. Jahrhunderts vom ersten Weltkrieg über Inflation, Weltwirtschaftskrise, Faschismus bis zum zweiten, die die Alte Welt zum Einsturz brachten, zeigten sich, ihm zufolge, die Folgen dieser Entwicklung. Hier ist nicht der Ort für eine abschließende Bewertung dieser Entwicklungen. Aber wie immer diese ausfallen sollte. In jedem Fall wird deutlich, in welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Dimensionen die Aufhebung der Allmenden hineinreicht – weit über die Umnutzung einiger landwirtschaftlicher Flächen hinaus.

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