Zitieren im digitalen Medium

Schon im letzten Jahr hatte ich in Frankfurt einen Vortrag „Zur Zukunft des Zitierens“ gehalten. Mittlerweile habe ich ihn ausgearbeitet und er soll in dieser Form in der nächsten Ausgabe von „editio“ erscheinen.

Mit ihrer Digitalisierung verändert sich die Materialität von Texten grundlegend, und damit auch die Art, wie auf sie Bezug zu nehmen ist. Dieser Übergang ist nicht frei von Problemen, die dadurch noch größer werden, dass die Bezugnahme auch wechselseitig zwischen den Welten des Drucks und der elektronischen Repräsentation möglich sein soll. Um diesen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, wird die Zitierweise der Druckwelt direkt in die digitale abgebildet, indem zum Beispiel die Gliederung nach Seiten und Zeilen künstlich beibehalten wird. Das ist kein guter Weg, denn er ist den Möglichkeiten des neuen Mediums NICHT angemessen. Er ist KEINE für die Zukunft tragfähige Lösung. Genau genommen war er NIE eine gute Lösung, sondern auch in den Zeiten des Buchdrucks nur ein Notbehelf. Der Seitenfall ist im elektronischen Medium nicht nur zufällig, die Orientierung an ihm widerspricht auch eklatant dem ansonsten hoch gehaltenen Prinzip der inhaltlichen Strukturierung. Dieses Prinzip verweist auch auf den Ausweg: die Granularisierung an Hand des Seitenfalls durch eine an inhaltlichen Strukturen orientierte zu ersetzen. Der Computer hat keine Schwierigkeiten, Absätze und Wörter zu zählen. Da auch die Drucke heute computergestützt erzeugt werden, steht diese Bezugnahme auch in diesem Medium zur Verfügung. Für eine Übergangszeit ist es natürlich realistisch, die Zählung nach Seiten und Zeilen parallel mit zu führen. Umgekehrt ist es beruhigend zu wissen, dass die Orientierung am Seitenfall die Texte nicht von Anbeginn an begleitet. In handschriftlichen Traditionen spielte das Zitieren nach Seiten und Zeilen naturgemäß in der Regel keine Rolle – und wirklich wichtige Dokumente einer Gesellschaft, wie die Bibel oder Gesetzestexte, wurden eigentlich immer nach Sinn tragenden Einheiten zitiert. So sollten wir es künftig auch wieder halten.

Über dieses Kernproblem hinaus beschäftigt sich das Papier zum einen mit dem Phänomen, dass wir es bei Texten immer mit verschiedenen Abstraktionsebenen zu tun haben und mit der Frage, wie sich die Referenz auf Sinn tragende Einheiten technisch am besten realisieren lässt. Dabei wird deutlich, dass das klassische Zitieren für das Problem der Referenz eigentlich nur den sprichwörtlichen sichtbaren Teil des Eisbergs darstellt, weil im Bereich moderner Editionen – von einigen bildlich als Korallenriffe charakterisiert (daher das Bild oben) – Referenz eigentlich allgegenwärtig ist.

Wer es genauer wissen will, kann sich den Text ansehen.

Kommentar verfassen